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Tolldreiste Geschichten

von Honoré de Balzac aus dem 19. Jahrhundert

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Kapitel 1:

Dem Dichter zum Preise!

Wes das Herz voll ist, des läuft der Mund über! sagte einst der Mann, der uns das Sprachgebäude schuf, so wie es uns nun seit Jahrhunderten lieb und wert geworden ist. Und doch muß ich schier nach Worten suchen, um Dir, wohledler Herre von Balzac, ein Lied des Preises anzustimmen: denn wo soll ich beginnen, wo bei des Segens Überfülle dasRechte, den Anbeginn richtig fassen? Soll ich Deiner so tiefen Menschenkenntnis vor allem gedenken, die mit ebensoviel Ernst als Anmut den Schleier vor der ‚Menschlichen Komödie‘ aufhob, soll ich Deiner unerschöpflichen Heiterkeit den Vorrang einräumen, die dem allverehrten Meister Rabelais nichts nachgab und Dir das vorliegende Werk in seiner knappen und doch so vieldeutigen Sprache diktierte? Oder soll Deines Lebens wundersam-buntes Puppenspiel den Anfang machen, um uns den Schlüssel zu Deinen Werken zu liefern? Nicht eines und nicht das andere wäre richtig, denn kaum das Ganze könnte Dich uns zurückzaubern so wie Du warst, so wie Du das Leben dichtetest, wie Du im Dichten lebtest! Wie Du die unvereinbarlichsten Gegensätze zu verschmelzen wußtest, ein unnachahmlicher Arbeiter und ein beneidenswerter Lebensgenießer zu sein, im Golde zu wühlen und doch nie einen Pfennig in Deiner Tasche zu haben, die wildeste Tragik in herzerquickenden Scherz zu hüllen, unter fast unerlaubt schrankenlosen Spaßen tiefernste Wahrheiten zu verstecken, Deine Träume zum Leben zu erheben und das Leben als Traum abzutun.

Bände brauchte ich, um Dich ganz zu werten, Bände voll zahlloser, engbedruckter Seiten so wie Du uns eine schier endlose Zahl solcher Bände schenktest, darin Du Dein Ich ausgeschüttet hattest. Deine Hand war so freigiebig, Dein Geberwille so grenzenlos, daß Du oft genug jene Mauern sprengtest, die ein wohlerzogenes Kunstwerk ausweisen sollte, um bis ins Letzte hinein vollendet zu sein. Dir wahrlich lief der Mund dessen über, wessen Dein Herz voll war. Und wenn auch der Feinschmecker Dir über Stock und Stein mit Freuden folgt, so gibt es doch bisweilen Nörgler, die sich an der Überfülle Deiner Gedankengaben in dem Titanenwerke der ‚Menschlichen Komödie‘ stoßen und ihren Bedarf auf einige wenige erlesene Werke wie vor allem ‚Eugenie Grandet‘ beschränken. Aber alle sind sie mit Dir in dem einen einig: »Daß Deine ‚drolligen Geschichten‘ Dir die Unsterblichkeit sichern werden, auch wenn all Deine anderen Werke verloren gingen!« So sagtest Du einst, und wenn wir auch die Erfüllung des Nachsatzes nicht erhoffen, so stimmen wir dem Vordersatze um so begeisterter zu. Nicht deshalb nur, weil Du in diesem Werke, wie gesagt, den Schritten Meister Rabelais in Geist und Sprache zu folgen wußtest. Eher schon, weil es Dir gelungen ist, es zugleich auch dem unsterblichen Boccaccio gleichzutun, dessen Dekameron in seiner sieghaften Pracht soviele Nachahmer, so wenig ernsthafte Nebenbuhler fand. Und als das Schicksal der Königin von Navarra die Feder aus der Hand nahm, also daß ihr kongeniales Werk mit der zweiundsiebenzigsten Geschichte ein jähes Ende fand, da war Gallia‘s Hoffnung auf ein französisches Dekameron endgültig geschwunden und man begnügte sich, ein »Heptameron« mit güldenen Lettern in seine Akten einzutragen. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt! Du selbst, wohledler Herre von Balzac, solltest das Werk der königlichen Dichterin zum Dekameron ründen, ohne Dir dessen bewußt zu sein! Als Du Dich an die Niederschrift der ‚Drolligen Geschichten‘ machtest, hattest Du den Plan gefaßt, ein neues Dekameron zu schreiben. Aber Du vermochtest das erste Viertelhundert nicht wesentlich zu überschreiten, – wie Du am Ende im Scherze sagtest, und wie Doré’s Schlußbild unterschrieben ist: »Wahrhaftig. es ist eine Schand-Arbeit, hundert drollige Geschichten auszudenken!« Nein, wohledler Meister, uns darfst Du solchen Bären nicht aufbinden! Dein nimmermüder Schöpfergeist konnte uns ein und gar mehrere Dekamerones bescheren, ohne dabei zu erlahmen. Aber es war Dir bestimmt, das Werk der königlichen Dichterin zu vollenden, das Du genugsam zu rühmen wußtest, nicht zum mindesten am Schlusse der zwölften Geschichte. Es war bestimmt, daß der Königin Margarethe»Heptameron« zusammen mit Deinen ‚drolligen Geschichten‘ das französische Dekameron bilden sollte, das mit gleichem Glänze neben seinem italienischen Vorgänger die Herzen der Leser labt und wärmt.

So entstand Dein Meisterwerk, von dessen Geschichten Du sagtest, daß sie echt französisch sind durch ihre überschäumende Fröhlichkeit durch die ausgelassenen Bocksprünge, französisch vorn, französisch hinten; daß sie »mehr dazu geschaffen sind, die Moral der Freude zu predigen, denn durch Moralpredigten Freude zu schaffen.« O du tiefsinniger Spötter, wie hast Du Dich und die Deinen recht erkannt! Aber Du vergaßest zu sagen, daß sie alle rechte Balzac-Kindlein sind, die ihres Vaters Ruhm durch alle Lande tragen, und sein Spiegelbild dazu. Daß sie Dich konterfeien als den Mann, der in seinen Phantasien lebte, als wären sie die Wirklichkeit (man gedenke Deines Wortes, als jemand von Deiner kranken Schwester redete: »Das ist ja recht schön, aber bleiben wir bei der Wirklichkeit, sprechen wir lieber von Eugenie Grandet!«). Und konterfeien doch die Wirklichkeit in der sich Dein Leib erging: ein nicht gar großer, aber kugelrunder Genießerleib, der in den Zeiten, da er die Überhand über Deinen Geistesdrang gewann, von Fest zu Feste eilte, in Leckerbissen und köstlichen Weinen schwelgte, holde Frauen in Wonnen umfing, feine Behausung mit der Pracht eines Königs schmückte und mit jeder dieser Künste die Sinnefreuden als Meister bis auf den letzten Tropfen auszukosten, sie in schier unwahrscheinlichen Ausmaßen zu genießen, das wahrlich nicht prüde Paris in staunende Aufregung versetzte; der dann wieder wie ein Asket abgeschlossen und genügsam, die Höhen und Tiefen der Menschenseele durchmaß und auch die verborgensten Züge, die verhehltesten Geheimnisse rücksichtslos, aber mit unwiderstehlichem Lächeln ans Licht zog und so wechselseitig die beiden Grundzüge des menschlichen Lebens ineinanderstrahlen ließ, beide zu einem vollkommenen Ganzen verschmolz, ungleich den meisten seiner Kollegen, die die Gesamtheit sezierend zerlegen, vielmehr das Einzelne im Rahmen und durch die harmonische Gesamtheit hindurch darwies.

Nicht will ich hier mehr darauf hinweisen, wie lebenswahr Du die Zeiten wiedererwachen ließest, in denen sich die drolligen Geschichten abspielen, nicht die Daten Deines Lebens aufzählen, die man allerorten nachlesen kann. Denn alles das könnte zu Dem nichts hinzufügen, was Du selbst von Dir kündest, wenn Du in diesem Buche zu uns sprichst! So ziehe denn weiter Deinen Siegesweg, Du des Irdischen entkleideter Dichter, zieh hin mit Deinen drolligen Kindlein, und mag Dir keiner begegnen, der sich an Dir ärgert, weil Du seinen geheimen Fehlern allzuarg und offen auf die – Füße getreten hast!

St. Petersburg, im Frühjahr 1914

Theodor v. Riba.

Die schöne Imperia

Zum Gefolge des Erzbischofes von Bordeaux gehörte in der Zeit, da selbiger zum Konzile nach Konstanz kam, ein hübsches Pfäfflein aus der Touraine, das in Wort und Wesen gar gefällig war. Galt es doch auch allenthalben für einen Sohn der Soldée und des Gouverneurs. Der Erzbischof von Tours hatte ihn seinem Amtsbruder bei dessen Durchreise freundschaftlichst zum Präsent gemacht, wie das unter diesen Herren voll glaubensfrohen Dranges üblich ist. Solchermaßen kam das Pfäfflein also zum Konzil und fand im Hause seines sittenstrengen, hochgelahrten Prälaten Unterkunft. Diesem Gönner ein pflichtgetreuer und würdiger Untergebener zu sein, war Philippus von Mala (so hieß das Priesterlein) wohl entschlossen. Doch sah er bald, daß männiglich Besucher selbigen gottgelahrten Konziles ein gar lockeres Leben führten und dabei obendrein mehr Ablässe, Goldgulden und Pfründen einheimsten als fromme Tugendbolde. Und so blies ihm der Teufel in einer anfechtungsreichen Nacht den Gedanken ein, sichs lieber wohl sein zu lassen und gleich den andern aus dem Borne unserer heiligen Mutter Kirche zu schöpfen, des Unerschöpflichkeit allein gar wundersam des lieben Gottes Gegenwart erwiese. Das ging unserm Pfäfflein wohl ein und es schwur sich zu prassen und zu schlemmen, solange man nur seinem guten alten Erzbischof (der sich, allerdings nur mehr der Not gehorchend, derart einen Heiligenschein zugelegt hatte). Doch schuf ihm das oft schwere Anfechtung und trübselige Stunden, maßen er allenthalben die schmuckhaften, verführerischen Buhlerinnen sah, die gen Konstanz geeilt waren, um der Kirchenväter Sinne zu erleuchten. Er platzte schier vor Grimm über die Art, wie jene losen Elstern den Kardinälen, Würdenträgern, Fürsten und Markgrafen auf der Nase herumhüpften, als wären es arme Schlucker, derweilen er nicht wußte, wie er eine fangen könnte. Allabendlich nach dem Gebete erwog er zierliche Liebessprüche und wappnete sich für zärtliches Geplänkel. Traf er aber dann tags darauf solch eine Prinzessin, die in prunkender Sänfte inmitten reichen Geleites ihrer Fülle Pracht stolz darbot, dann blieb er mit offenem Maule stehen und klotzte ihr blinkes Antlitz an, bis ihm die Glut zu Kopfe stieg.

Der Sekretarius seines edlen Gönners tat ihm nun einmal kund, daß die hohen Herrschaften die Gunst jener zieren Kätzlein keineswegs so mir nichts, dir nichts gewännen, vielmehr Gold und Geschmeide in schwerer Menge dafür hingäben. So begann denn der ahnungslose Tropf die Groschen, die durch des Erzbischofes Güte für ihn abfielen, in seinem Strohsack zu sammeln, und er erhoffte solchermaßen einen Schatz zusammen zu sparen, mit dem er sich dann holde Gunst erkaufen wollte. Des weiteren gab er sich in Gottes Hand und wandelte nächtens lüstern durch die Gassen, wenngleich er in seiner schäbigen Gewandung einem Edelmanne nicht mehr glich, als eine nachthaubengeschmückte Ziege einem Edelfräulein. Ohne sich um die Hellebarden der Söldner zu scheren, schaute er zu, wie in den Häusern die Kerzen entzündet wurden und durch Fenster und Türen hinausblinkten, horchte auf das geile Lachen der schlemmenden Kirchenfürsten, die der Frau Venus ihr Halleluja sangen, und holte sich dabei gern einen Sack voll Püffe. Denn der Teufel verblendete ihn mit der Hoffnung, früher oder später auch bei solch holder Buhlin den Kardinal spielen zu können, und das machte ihm Mut.

So drang er denn eines abends tollkühn wie ein brünstiger Hirsch in das schönste Haus der Stadt, davor er schon so manche Haushofmeister, Offiziere oder Pagen ihrer Herren beim Fackelscheine harren gesehen hatte. »Ach, die da drinnen muß schön und zärtlich sein!« seufzte er. — Ein waffenstarrender Landsknecht vermeinte, jener gehöre zum Gefolge des bayrischen Kurfürsten (der soeben das Haus verlassen hatte) und käme mit einem Auftrage seines Herrn. Darum kam Philippus hinein und ließ sich, gleich einem Rüden auf der Spur einer läufigen Hündin, von süßen Düften stracks in das Gemach führen, wo sich die Herrin des Hauses von flinken Zofen umringt ihrer Gewänder entledigte. Verdutzt wie ein erwischter Dieb blieb er stehen. Schon war die Huldin ohne Rock und Mieder und bald stand sie hüllenlos in prunkender, anmutsvoller Nacktheit da, also daß dem beglückten Pfäfflein ein liebeheißes »Aah!« entfuhr.

»Was willst du, Kleiner?« fragte die Schöne.

»Bei Euch verscheiden,« ächzte er gierigen Blickes.

»So komm morgen wieder,« meinte sie, um ihn zu necken. Und Philippus, des Antlitz glühte, rief stracks: »An mir solls nicht fehlen!«

Da hub sie an wie toll zu lachen, also daß Philippus verblüfft, doch wohlgemut stehen blieb und lüsternen Auges weiter ihre wunderzieren Liebesreize bestaunte: ihr prachtvolles Haar, das zwischen lockigen Flechten den Zauber eines Nackens enthüllte — blink und blank wie Elfenbein; strahlende Augen, die feuriger waren als die Rubinen eines Geschmeides ob ihrer schneeweißen Stirn. Die schimmerten von den Tränen ihres hellen Lachens; und dieweil sich die Holde vor Kichern wand, entglitt ihr ein güldener Schuh und so kam ein nacktes Füßlein hervor, ein Füßlein, das schier kleiner war als der Schnabel eines Schwanes.

Ja, die Schöne war heut guter Laune; sonst hätte sie den Kleinen längst kühllächelnd zum Fenster hinauswerfen lassen. Und eine der Zofen meinte: »Er hat schöne Augen!« Eine andere fragte: »Woher mag er kommen?« Und die Herrin rief: »Das arme Kindlein! Seine Mutter wird ihn suchen. Wir müssen ihm den rechten Weg weisen!« Aber unser Pfäfflein ließ sich nicht aus der Fassung bringen und weidete sich wonneächzend an dem Anblick des brokatgeschmückten Lagers, darauf die Huldin alsbald ihren prangenden Leib betten sollte. Solch liebesdurstiger Augenschmaus entflammte die Einbildungskraft der Schönen, die darob halb scherzend, halb bereits verliebt wiederholte: »Also morgen!«, und den Burschen sodann mit einer Handbewegung, die keinen Widerspruch duldete, entließ.

»Ach, hehre Frau, da habt Ihr wieder einmal ein Keuschheitsgelübde in Liebessehnen verwandelt!« kicherte ein Zöflein. Und wieder platzten alle heraus, also daß das Gemach wie unter Hagelschlägen erzitterte. — Derweile machte sich Philippus von dannen, nicht ohne blindlings mit dem Kopf wider die Pfosten zu rennen. Denn der leckere Anblick hatte ihn völlig geblendet. Doch prägte er sich die Torwappen sorglich ein und kehrte voll lüsterner Teufeleien und schlechter Gedanken zu seinem biederen Erzbischofe zurück. In seinem Kämmerlein zählte er während der ganzen Nacht seine Batzen: mehr als vier Taler kamen freilich nie heraus, aber da dies sein einzig Gut war, das er so der Schönen hingeben wollte, vermeinte er, sie würde wohl zufrieden sein.

Dem Erzbischof ging seines Schreibers Seufzen und Ächzen mählig auf die Nieren. »Was ist Euch nur?« fragte er endlich. Und das Pfäfflein entgegnete kläglich: »Ach wehe, hoher Herr! Mir will nicht in den Sinn, daß so ein zieres, zartes Mägdelein einem also schwer das Herze bedrücken mag.« Da legte jener sein Brevier (darin der Edle für die andern las) zur Seite und erkundigte sich: »Welche ist’s denn?«

»Ach Jesus! Weh, edler Herr und Gönner, verdammt mich nicht. Gewißlich gehört die zum mindesten einem Kardinale an, in die ich mich vergaffte… Und nun weine ich, da mir noch manch verflixter Taler fehlt, um sie mit Eurer Erlaubnis zum Guten zu bekehren.« Der Erzbischof furchte die dachförmige Falte über seiner Nase unter bedenklichem Schweigen, also daß der Pfaff vor Angst zu beben anhub und sein Geständnis bereute. Doch schon fragte der heilige Mann weiter: »Sollte sie denn gar so viel kosten?« worauf jener ächzte: »Ach! schon manche Mitra hat sie geplündert, manchen Krummstab seiner Zier beraubt.«

»Ei, ei, Philippus: so du von ihr lässest, will ich dir dreißig Taler aus der Armenbüchse geben!« Aber das Kerlchen gierte nach dem Wonneschmaus, also daß es rief: »Oh, dabei käme ich noch immer zu kurz!«

»Philippus,« versetzte darob der gute Alte, »so willst du denn dereinst zur Hölle fahren, von Gott mißachtet gleich all unsern Kardinälen?« Und schmerzbewegt begann er zum Schutzherrn der Keuschlinge, dem heiligen Sabianus, für seines Dieners Heil zu beten. Und weiter mußte der Bursch niederknien und seinerseits den heiligen Philippus anflehen. Aber der verdammte Pfaff erbat insgeheim, daß der Heilige ihm morgen einen huldreichen Empfang bei der Dame beschere, und darum betete er so voller Inbrunst, daß der gute Erzbischof beglückt rief: »Nur Mut, der Himmel wird dich erhören!«

Tags darauf (derweile der edle Greis im Konzil wider die Schamlosigkeit geistlicher Hirten donnerte) verschleuderte Philippus seine sauer erworbenen Taler für Riechwässer, Bäder und ähnliches Gedüft. Wohl gesalbt wie ein Pomadenhengst wandelte er sodann durch die Stadt, bis er seiner Herzens-Königin Haus erspäht hatte. Als er aber jemanden fragte, wem denn selbiges Haus gehöre, das grinste der und rief: »Was für ein grindiger Schelm, der noch nichts von der schönen Imperia gehört hat!«

Nun ward dem Pfäfflein Angst, sein Geld zum Fenster hinausgeworfen zu haben, denn der Name lehrte ihn, in welch arge Schlinge er aus freien Stücken seinen Kopf gesteckt hatte. War doch Imperia die anspruchsvollste und launischste Dirne des Erdenrundes und nicht sowohl für ihre unübertroffene Schönheit, als für ihre Kunst bekannt, gleichermaßen Kardinäle, Leuteschinder und rauhe Krieger zu knechten. Die Höchsten wie die Kühnsten umwarben sie, ein Wink von ihr konnte einem das Leben kosten, und selbst unerbittliche Tugendbolde krochen bei ihr auf den Leim und tanzten gleich den andern nach ihrer Pfeife. Unserm Philippus ward bänglich zu Mut und so wandelte er in der Stadt umher, ohne an Essen und Trinken zu denken. Hatte ihm doch Imperias Anblick sogar die Lust nach andern Frauen verdorben.

Und als die Nacht kam, da hatte der Stolz den hübschen Bengel also gebläht, die Gier ihn gepeitscht und einige Flüche ihn soweit ermuntert, daß er kecklich zu der eigentlichen Königin des Konziles, vor der sich alle beugten, hineilte. Der Hausmeister, der ihn nicht kannte, wollte ihn freilich hinauswerfen, als just ein Zöflein oben vom Treppenabsatz rief: »Nicht doch, Meister Imbert! Das ist ja der Kleine von der Gnädigen!« Und schamrot wie ein Jüngferlein stolperte der arme Philippus wonnebebend die Treppe hinauf. Alldorten nahm ihn die Zofe bei der Hand und führte ihn in das Gemach, darinnen die Gnädige bereits vor Erwartung kochte und also leicht bekleidet war wie eine Frau, die mutvoll höheren Genüssen entgegenblickt. In strahlender Schönheit saß sie bei einem prunkhaft gedeckten Tische, dessen Leckerbissen jedem das Wasser in den Mund getrieben hätten — auch unserm Pfäfflein, wäre er nicht so über die Maßen verliebt gewesen. Denn alsbald ward Frau Imperia dessen inne, daß die Blicke des zieren Kleinen nur ihr allein galten. Und sie, die eigentlich an verliebte Demut geistlicher Herren gewöhnt war, ergötzte sich doch baß an seiner Huldigung, maßen sie sich seit gestern Nacht immer mehr in den Schlingel vernarrt hatte und er ihr tagsüber schon gar nicht mehr aus dem Sinn gekommen war. Nun waren die Vorhänge zu und die Gnädigste so holder Laune, als gälte ihr Empfang einem kaiserlichen Prinzen. Und als solcher fühlte sich der Bengel auch, da ihm die Gunst der hochheiligen Schönheit zu Kopfe stieg. Aufgebläht stolzierte er herzu und machte einen Kratzfuß, der nicht übel gelang. Alsbald beglückte den Wonneschaudernden ein glühender Blick und die Holde sprach: »Setzt Euch neben mich; ich sehe, Ihr habt Euch seit gestern verändert.«

»Ei freilich,« brüstete er sich. »Gestern liebte ich Euch — und heute lieben wir uns: so ward ich armer Schlucker reicher als ein König!«

»I du kleiner Strick,« kicherte sie, »mir scheint vielmehr, der junge Pfaff ist ein alter Teufel geworden.«

Damit kauerten sie sich zusammen vor dem Kaminfeuer hin, dessen Glut ihnen noch weiter einheizte. Sie mißachteten die guten Bissen auf dem Tisch und fraßen sich mit den Augen; und schon waren sie im besten Zuge, als sich vor der Tür ein groß Geschrei erhob und Hiebe prasselten.

»Was gibts?!« rief stracks die Gnädige, machtbebend wie ein König, den man kecklich stört.

»Der Erzbischof von Chur«, hauchte ein Zöflein.

»Hol’ ihn der Teufel! — Sag ihm, ich habe das Fieber, so lügst du nicht, denn dieses Pfäfflein macht mir heiß und kalt.«

Kaum hatte sie das gesagt und dabei des Philippus Hand so hold gedrückt, daß es dem in allen Gliedern zuckte, da tauchte schon der feiste Bischof wutschnaubend vor ihnen auf und hinter ihm seine Leute mit einer güldenen Schüssel, darauf eine Lachsforelle frisch und lecker prangte, mit vielerlei würzigduftenden Gerichten, mit Obst und Früchten und holden Schnäpsen, wie die heiligen Nonnen sie in den Klöstern brauen.

»Uf,« polterte der grob, »um zur Hölle zu fahren, brauche ich mich von dir nicht vorher peinigen zu lassen, mein Täubchen…«

»Euer Wanst wird eines Tages eine schicke Degenscheide abgeben,« erwiderte sie und furchte die Brauen, und ihre vorher so sanften, lieben Augen wurden hart und grausam.

»Und der Chorknabe hier soll wohl schon den Totengesang anstimmen?« pöbelte der Erzbischof weiter und wandte sein rotgedunsenes Antlitz wider den zieren Philippus. Der meinte: »Hochwürden, Madame will mir beichten.«

»Was!! kennst du nicht die Regeln?! Damenbeichten zu dieser Stunde sind den Bischöfen vorbehalten. Fort mit dir zu deinen Nonnen!«

»Nein, hiergeblieben!« schmetterte Imperia, die zugleich von Zorn und Liebe verschönt sich selbst übertraf, »Ihr seid hier zu Hause, teurer Freund« (da ward Philippus ihrer Liebe gewiß!) »Sind nicht, wie da geschrieben steht, alle Menschen vor Gott gleich? So sollt auch ihr beide vor mir gleich sein, da ich hinieden eure Göttin bin. Setzt euch und eßt!«

So sprach sie, denn der Lachs und die Schleckereien taten es ihr doch an. Ihrem Schlingel aber zwinkerte sie lsitig zu, daß er sich vor dem Dickwanst nicht zu bangen brauche, den sie bald abfertigen würde. So ward denn der Bischof von der Zofe am Tische verstaut und ein gewaltiges Prassen hub an. Das Pfäfflein freilich aß keinen Bissen, da ihn nach Imperia hungerte, und schweigend an sie geschmiegt redete er nur jene Sprache, die jedem Weibe auch ohne Laute und Buchstaben verständlich ist. — Der feiste Bischof war ein wüster Schlemmer: ein Gläslein Würzwein nach dem andern ließ er sich von zarter Hand darreichen und schon hallte fröhlich sein erster Rülpser, als von der Straße lautes Pferdegetrappel heraufscholl. Der Lärm ließ zum mindesten eines liebestollen Fürsten erwarten und richtig stürmte gleich darauf der Kardinal von Ragusa rücksichtslos ins Gemach. Dieser gerissene Italiener, des Anwartschaft auf den heiligen Stuhl man kannte, dieser langbärtige Haarespalter überblickte sofort die Situation. Von seiner Mönchsgeilheit hergetrieben, wollte er natürlich auf seine Kosten kommen, und so winkte er sich nach einer Sekunde Überlegung Philippen herbei.

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