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Monsieur Nicolas' Abenteuer im Lande der Liebe

von Nicolas Edme Rétif de la Bretonne aus dem 18. Jahrhundert

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Kapitel 1:

1

Am 22. November 1734 erblickte ich in Sacy das Licht der Welt. Mein Vater war zweimal verheiratet: das erstemal mit Marie Dondene, von der er sieben Kinder hatte, das zweitemal mit Barbe Ferlet-de-Bertro. Auch diese schenkte ihm sieben Kinder, von denen ich das erste bin. Ich wurde von Edme-Nicolas, meinem ältesten Stiefbruder, in Vertretung meines Urgroßvaters mütterlicherseits, und von meiner ältesten Stiefschwester Anne, in Vertretung meiner Großmutter mütterlicherseits, Anne-Marguerite Simon, zur Taufe getragen, denn der Greis konnte infolge des schlechten Wetters nicht nach Sacy kommen. Ich erhielt in der Taufe die Namen Nicolas Anne Edme, und mein Vater wünschte, daß Nicolas mein Rufname sei. Aber bei der Ausstellung der Taufurkunde ließ Jacques Beraut, der Schulmeister des Ortes, den Namen Anne weg, obwohl er genannt worden war.

Meine Mutter vereinigte in sich einen lebhaften Geist, ein gütiges Herz und körperliche Schönheit. Obwohl blond, war sie lebhaft bis zur Heftigkeit, aber sie konnte sich auch bis zur zartesten Milde mäßigen. Mein Vater war jähzornig, wußte sich aber doch menschlich weich zu zeigen. Liebe, Mut, Furchtsamkeit, Ungeduld, Zorn, Verachtung, Treue, Mitleid, alle diese Gefühle herrschten in mir mit einer leidenschaftlichen, außerordentlichen Kraft. Ohne Zweifel wurde ich von meiner Mutter in einer heißen Umarmung empfangen, was die Grundlage meines Charakters bildete.

Ich bekam die »temperamentvollste« Frau der ganzen Gegend als Amme. (Meine Mutter durfte mich nicht stillen, da es ihr mein Vater – wohl aus guten Gründen – verboten hatte.) Die gute Frau Lolive Lemoine entwöhnte ihr Töchterchen Nannette, das schon ziemlich groß war, um mich an ihre Brust zu nehmen, aber die gute Frau konnte den leidenschaftlichen Wünschen ihres Mannes, der schon achtzehn Monate zur Enthaltsamkeit gezwungen war, nicht widerstehen, und man glaubte, mich im sechsten Monat entwöhnen zu müssen. Meine Entwicklung ist dadurch beeinträchtigt worden, aber ich will meiner Amme keinen Vorwurf daraus machen. Sie hat mich immer zärtlich geliebt, so daß ich undankbar sein müßte, wollte ich ihr als meiner zweiten Mutter die schuldige Achtung versagen.

Ich war neun Monate alt, als man mich zu dem Advokaten Collet, einem Freunde meines Vaters, nach Vermenton brachte; es war an einem schönen Sonntag, dem Festtag des Schutzheiligen, Mitte August. Man erzählte mir später, daß sich dort zwei kleine Mädchen, die eine fünf-, die andere dreijährig, heftig darum stritten, wer von ihnen meine Frau sein sollte. Man nannte mir auch ihre Namen, und, seltsam, ich wurde zwar nicht ihr Gatte, aber ich habe sie beide angebetet.

Ich erinnere mich, daß ich über das Lob meines schönen Gesichts sehr erfreut war, aber ich war für dieses Lob nur insofern empfänglich, als die Person, die es äußerte, mir Zutrauen einflößen mußte, vor allem aber wenn es junge Mädchen waren. Der Instinkt zog mich seit meiner frühesten Jugend zum anderen Geschlecht, doch flößten mir verheiratete Frauen mit all den Widerwärtigkeiten ihres Hauswesens den größten Abscheu ein … Ganz besonders gut gefielen mir junge Mädchen, die eine rosige Hautfarbe hatten. Thomas Piôt, ein Freund meines Vaters, besaß vier erwachsene Töchter. Marie, die zweite, hatte schöne Farben; Madeleine, die dritte, war blaß und ziemlich fleischig; Nannette, die jüngste, war regelrecht schön. Den Vorzug gab ich Marie, weil sie ein hübsches rotgeblümtes Halstuch trug, das die rosige Färbung ihres Gesichts noch besser hervorhob.

Jeden Sonntag lief ich gleich nach dem Mittagessen heimlich zu meiner Schönen, weniger wegen der Leckereien, die sie mir in den Mund steckte, als wegen der stürmischen Liebkosungen, die ich erwarten konnte, und um von ihr auf dem Arme getragen zu werden, wenn sie zur Vesper ging. Ich glaube diese Liebkosungen näher beschreiben zu müssen, da sie nicht nur für meine sittliche Entwicklung, sondern auch für meine Gesundheit von schädigendem Einfluß waren, indem sie meiner ohnehin sehr glühenden Phantasie zuviel Schwung gaben. Marie küßte mich auf die Wangen und auf die Lippen, die immer appetitlich waren. Sie ging aber noch weiter, wenn auch alles, was sie tat, in größter Unschuld geschah: sie griff mit der Hand unter mein Kleidchen und tätschelte und streichelte mich. Dann verschlang sie mich fast mit ihren Küssen. Aber um mich deutlicher ausdrücken zu können, muß ich mich der Sprache der Gelehrten bedienen und meine Leser mögen es den Damen zartfühlend übersetzen: Mentulam testiculosque titillabat, quoadusque engerem; tunc subsidebat velatis oculis humore vitreo, et aliquoties desciebat. 1) Ich erwiderte ihre Liebkosungen mit einem ausgelassenen Lachen.

So wurde durch viele kleine Ursachen mein erotisches Temperament, das mich in so viele Abgründe stürzen sollte, zur Entfaltung gebracht. Dies sei allen Eltern, die hübsche Kinder haben, eine gute Lehre!

Ich wiederhole: Marie war dabei ebenso unschuldig wie ich selbst; aber sie handelte nach einem blinden Triebe. Als Zeugin der Zärtlichkeiten, mit denen mich ihre Schwestern und alle andern jungen Mädchen überschütteten, fühlte sie sich durch meine Vorliebe für sie so geschmeichelt, daß ihre Liebe zu mir sich zur Leidenschaft auswuchs. Mein zierliches Gesichtchen mußte in einer Gegend, wo das Blut der Bewohner infolge der Sumpfluft, die sie einatmen, träg und dickflüssig war, sehr gefallen; ich war eben ein Wunderkind. Wenn Marie mich auf dem Arm zur Kirche trug, umringten alle jungen Mädchen sie, um mich abzuküssen. Ich erinnere mich, wie eines Tages ein kräftiger Bursche meiner Trägerin ins Ohr flüsterte: »Mariechen! Gesteh nur, daß du den hübschen Jungen gern hast! Du wirst einmal eine gute Mutter und eine gute Frau werden. So einen hättest du sicher selbst einmal gern, nicht wahr? Ich wünsche ihn dir, und ich möchte gern der sein, der ihn dir macht!« Marie errötete und senkte die Augen, aber gleich darauf erhob sie sie wieder und verfolgte Jean Nollin mit ihren Blicken, solange sie ihn sehen konnte. Nach einiger Zeit heiratete sie ihn, und ich war bei der Hochzeit.

Ein Ereignis aus dem gleichen Jahre 1738 beweist, wie schädlich es sein kann, wenn sich zwei Ehegatten allerlei Freiheiten vor Kindern erlauben, wenn diese unschuldigen Geschöpfe auch in einem Alter sind, wo sie noch nichts davon verstehen.

Ich war eines Tages bei einem Manne namens Cornavin, der vor kurzem ein hübsches Mädchen, Nannette Belin, geheiratet hatte. Sie bewohnten ein kleines Häuschen, das ihnen mein Vater vermietet hatte. Der Mann machte Rebenstöcke und jedesmal, wenn er einen zugespitzt hatte, küßte er seine junge Frau und nahm sich noch andere Freiheiten, die bei mir ein naives Erstaunen hervorriefen. Mein Gesichtchen erschien der jungen Frau so komisch, daß sie jedesmal, wenn ihr Mann sie liebkoste, in schallendes Gelächter ausbrach. Ich lachte mit, wenn ich sie so fröhlich sah, und dann lachte sie noch lauter. Ihr Mann führte sonderbare Reden; seine Worte mißfielen mir sehr, zweifellos wegen ihrer Frechheit, vielleicht aber auch aus einem Gefühl der Eifersucht heraus, die sich beim männlichen Geschlecht selbst vor der vollendeten Entwicklung zeigt. Der Haß, den mir Cornavin damals einflößte, besteht noch immer in mir. Als er mit einer seiner Liebkosungen zu weit ging, lief ich wütend davon. Das Lachen der jungen Frau fand ich reizend, aber den Mann so abscheulich, daß ich nicht begreifen konnte, wie Nannette seine Liebkosungen dulden und sogar erwidern mochte.

Die Eindrücke dieser schlüpfrigen Szene haben sich nicht verwischt, und sie waren in meiner zarten Kindheit von schrecklichem Einfluß auf meine noch unentwickelten Sinne, besonders, nachdem mir Thomas Carré mit seiner Braut, die den Spitznamen Polie trug, in einer Scheune eine Wiederholung dieses Schauspiels gegeben hatte.

Thomas machte Strohbündel und seine Geliebte scherzte mit ihm. Ich freute mich über dieses gute Einvernehmen zwischen den beiden, aber plötzlich warf Thomas die Polie auf das frische Stroh. Ich sah darin eine Falschheit, da aber das Mädchen weiter lachte, fürchtete ich nichts. Bald aber wurde die Sache ernster; das Mädchen wehrte sich, Thomas drückte sie nieder, schließlich hörte ich Seufzer. Da erwachte das Mitleid in mir; mit einem Rebenpfahl bewaffnet, stürzte ich mich auf den Bösewicht, schlug mit aller Kraft auf ihn los und schrie ihn an: »Laß sie los, du Garstiger!« – »Oh, der kleine Teufel!« rief das Mädchen keuchend, »er ist da und sieht alles…!« Ich beschleunigte dadurch nur ihre Niederlage. Nach der Krisis herzte sie mich und verbot mir, irgend jemand zu sagen, daß Thomas sie geschlagen habe …

Ich sah alles ganz genau, ohne allerdings damals etwas davon zu verstehen, aber es wurde dadurch der Keim gelegt zu meinen Abenteuern mit Nannette Rameau und mit Marguerite Mine. Ich erinnere mich, daß damals mein Zutrauen zu den Frauen und Mädchen noch unerschüttert war. Ich sah in ihnen die einzig guten Wesen, barmherzig, unfähig mich zu täuschen, mich lächerlich zu machen. Eine gerade entgegengesetzte Meinung hatte ich von den Männern, nur mein Vater bildete eine Ausnahme. Ich sah in ihnen harte, strenge, spöttische, böse Geschöpfe, vor denen ich Angst hatte; sie erschreckten mich, und ich floh vor ihnen ebenso furchtsam wie vor den Hunden.

Die Einsamkeit von La Bretonne machte mich scheu wie die jungen Katzen, die in einem verborgenen Winkel aufwachsen. Mein Stolz und meine Ungeschicklichkeit entfremdeten mich noch mehr den Menschen; meine beiden älteren Brüder, die damals Seminaristen waren, verschüchterten mich außerdem durch ihren strengen Jansenismus …

Ein an sich ganz unbedeutender Vorfall verdient doch erwähnt zu werden, weil er meine außerordentlich große physische Empfindlichkeit beweist: als meine Schwester Margot, die mich anzukleiden pflegte, mich eines Tages im Scherz kitzelte, wurde ich ohnmächtig. Man dachte, sie hätte mich geschlagen und glaubte auch mir nicht, als ich sie verteidigte. Meine drei Schwestern, Marie, Marianne und Madeleine, alle drei große Betschwestern, riefen den Pfarrer, damit er in der Beichte herausbekomme, ob Margot gelogen habe, denn die Beichte dient auf dem Lande allen möglichen Zwecken. Das junge Mädchen aber rechtfertigte sich, was meine Eltern nur noch besorgter machte, denn sie sagten, wenn sie unter sich waren: »Er wird sicher nicht lange leben.«

Wenn Margot sich in diesem Falle durch die Beichte auch vollkommen reingewaschen hatte, so weiß ich nicht, wie sie sich vor dem Priester den Folgen einer weit schlimmeren Unbesonnenheit entzog, die trotz allem nur ihre Unschuld beweist. Eines Tages nahm sie mich und meine fast gleichaltrige Schwester Marie-Louison bei der Hand, führte uns in ein hochstehendes Hanffeld und hier disposuit nos ignorantissime, quemquem nostrum sedentem e regione, dicens: »Hem coite!…« Maria-Ludovicella, pro sua intelligentia, oboediebat; ast ego nec voluntatem neque facultatem habebam, et nihil nisi conatus inertes efficiebam. Erubuit tandem Margaritella, et nos dimisit integros, fans: »Stulti vos, inquit abite!«

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