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Die Nichten der Frau Oberst

von Guy de Maupassant aus dem 19. Jahrhundert

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Kapitel 1:

1. Kapitel

Ein feiner und eisiger Dezemberregen strömte auf die Rue d’Assas nieder, die beinahe ausgestorben dalag. Das gleichmäßige Geräusch des fallenden Regens wurde nur hie und da von pfeifenden und heulenden Windstößen unterbrochen. In dem kleinen Salon der Madame Briquart saßen vier Personen beisammen; zunächst sie selbst, die ehrbare Witwe eines Obersten jener schönen, nun bald sagenhaft gewordenen Kürassiere. Die würdige Dame trug ihre sechzig Jahre mit derselben Heiterkeit, wie sie in der Ehe die Hosen getragen hatte, da der Herr Oberst einem »on dit« zufolge nur an der Spitze seines Regimentes ein tapferer Mann gewesen war. Trotzdem hatte Madame Briquart durchaus nicht das Aussehen eines Mannweibes; im Gegenteil, sie war eine frische, liebenswürdige alte Dame, aber von der Art derjenigen, bei denen ein Augenzwinkern genügt, um ihren Willen ein für allemal durchzusetzen.

Neben ihr blätterte Julia, ihre junge Nichte, in einem Album, während Florentine, deren Schwester, an einer Stickerei arbeitete.

Man hörte der Vorlesung eines nicht weiter anspruchsvollen Romanes zu, den ein etwa fünfzig Jahre alter Herr, Cousin Georg, wie man ihn nannte, vortrug, verfolgte aber dabei seine eigenen heute abend etwas melancholisch gefärbten Gedanken.

Ein stärkerer Windstoß ließ das Haus beinahe erzittern. Madame Briquart fröstelte und schmiegte sich tiefer in ihren Fauteuil mit einer fast wollüstigen Regung, die ein plötzlich eintretender Kontrast zu unserer Lage manchmal in uns aufsteigen läßt. Auch die Gäste des Salons hatten ein ähnliches Gefühl, das sie je nach ihrem individuellen Charakter verschiedenartig ausdrückten.

Julia hob den Kopf und murmelte:

»Welch schreckliches Wetter.«

Florentine senkte den ihrigen auf ihre Arbeit nieder, wie eine Lilie, die unter dem Ansturm des Windes ihr Haupt neigt. Georg unterbrach seine Vorlesung, sah zunächst aufmerksam zu Florentine hinüber und sagte dann mit zufriedenem Lachen:

»Ja, ja, liebe Tante, jetzt ist es gemütlicher in Ihrem Salon als zum Beispiel auf einer Straße in den Champs-Elysées.«

»Allerdings«, erwiderte die alte Dame, »und ich fürchte daher, daß unsere Freunde uns heute abend im Stich lassen und wir unseren Tee ganz unter uns einnehmen werden.«

»Das glaube ich auch, denn das müßte schon ein Geisteskranker oder ein stark Verliebter – was ja ungefähr dasselbe ist – sein, der sich heute in diesem alten Faubourg verirrte, wo die Straßen einem ausgefahrenen holländischen Mühlweg gleichen.«

»Ein Liebhaber! Pah!« sagte Julia, »so etwas gibts hier nicht.«

»Wirklich?« erwiderte Georg Vaudrez etwas ironisch, »sind Sie dessen sicher?«

»Vollständig … Also, mein lieber Herr Georg, fahren Sie nur ruhig fort mit der Leidensgeschichte Ihrer Romanheldin! Es wird Sie niemand unterbrechen.«

Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, als das Rollen eines herrschaftlichen Wagens sich hören ließ und hart unter der Haustüre abbrach. Die Torglocke schrillte.

»Sollte das wahrhaftig ein furchtloser Besuch für uns sein?« fragte Madame Briquart.

Ehe man ihr noch antworten konnte, öffnete sich die Salontüre, und die alte Kammerfrau der Obristin meldete den Grafen Saski.

Bei Nennung dieses Namens gruben sich die feinen Fältchen an den Schläfen Vetter Georgs etwas tiefer ein, und ein rosiger Schimmer flammte auf Julias Wangen auf.

»Ah, wie liebenswürdig von Ihnen, dem Unwetter getrotzt zu haben, um uns zu besuchen«, sagte Madame Briquart freundlich zu dem neuen Gast und streckte ihm ihre weiße Hand hin, auf die der junge Mann nach russischem und polnischem Gebrauch, der leider in Frankreich ganz abgekommen war, einen respektvollen Kuß drückte.

»Gnädige Frau, auch eine Promenade nach Kamtschatka würde mir reizvoll erscheinen, wenn ich erwarten könnte, Sie dort zu treffen«, erwiderte der Graf galant der Dame des Hauses, während aber seine Blicke über den Kopf derselben zu Julia hinüberschweiften.

»Sie sind ein Schmeichler! Aber nach einem solchen Akte des Heroismus, im stärksten Unwetter hier hinauszudringen, ohne andere Aussicht als eine Tasse Tee bei Einsiedlern zu nehmen, kann man Ihnen nicht böse sein.«

Eine Zeitlang setzte sich die Unterhaltung in ähnlichem Tone fort; da näherte sich der junge Mann unmerklich Julia und begann halblaut mit ihr zu plaudern. Seit seinem Eintritt in den Salon war es wie ein kleiner Hauch auf die Gäste gefallen. Georg sprach überhaupt nicht mehr. Florentine hatte ihre Stickerei ruhen lassen und blätterte still in dem Buche, das Georg auf dem Tisch hatte liegenlassen. Madame Briquart warf einen ein klein wenig boshaften Blick auf ihre Umgebung und zog sich dann zurück, was anscheinend von niemandem bemerkt wurde.

Es schlug elf Uhr. Karoline brachte den Tee, den die jungen Mädchen servierten, und bereits um Mitternacht konnte der arme Hausmeister konstatieren, daß der letzte Besucher dieser seiner ruhigsten Mieter sich verabschiedet hatte und er also in vollster Sicherheit sich dem süßen Schlummer überlassen könne.

Einige Wochen verstrichen, ohne in der Existenz unserer Freunde eine bemerkenswerte Änderung herbeizuführen. Indes lag irgend etwas in der Luft, irgendein Ereignis, das entscheidend in das Schicksal der beiden jungen Mädchen eingreifen sollte.

Julia und Florentine waren die Töchter eines richtigen Vetters der Obristin, die für diesen Freund ihrer Jugend eines jener schwer zu charakterisierenden Gefühle empfunden hatte, die nicht mehr Freundschaft und doch noch nicht Liebe sind, die zwei Menschen aber so eng aneinander ketten, daß nichts die Bande zu trennen vermag als der Tod.

Der war es auch, der den armen Hektor, als er zwei Jahre lang verwitwet war, heimführte, ohne ihm Zeit zu irgend etwas anderem zu lassen, als seine beiden Töchter zu Madame Briquart zu schicken und dazu mit zitternder Hand zu schreiben.

»Ich liege im Sterben, nimm sie auf!«

Und sie hatte sie aufgenommen, sie erzogen und fragte sich oft, welche Zukunft die beiden holden Wesen wohl erwarten möge, die sie liebte, als wenn sie ihre eigenen Kinder gewesen wären.

»Jung, schön und arm«, sagte sie sich, »wie gefährlich! Welche Enttäuschungen und Leiden mögen sie erwarten!« Und dann entrang sich gewöhnlich ein schwerer Seufzer ihren sonst immer lächelnden Lippen.

An diesem Morgen hatte die Frau Oberst ihr Kotelett nur halb verspeist und die halbe Flasche Chambertin, die sie als hygienische Maßregel zu jeder Mahlzeit trank, fast unberührt gelassen. Als der Kaffee serviert war und Karoline das Speisezimmer verlassen hatte, heftete Madame Briquart plötzlich ihre Augen auf Florentine und sagte ohne jede Einleitung:

»Mein Kind, würdest du wohl etwas dagegen haben, gnädige Frau zu werden?«

Das junge Mädchen schlug die Augen auf, errötete und sagte lächelnd:

»Durchaus nicht, Tante! Das hängt davon ab, mit wem ich mein Leben verbringen müßte.«

»Hm! Nun, mit jemandem, der dich anbetet.«

»Der sie anbetet?« fragte lachend Julia. »Also Neuigkeiten, Tante?«

»Meine Liebe«, wandte sie sich dann an ihre Schwester, »mache dich auf etwas Schreckliches gefaßt! Ein Antrag naht! Tante laß uns nicht sterben vor Ungeduld!«

»Gott behüte, meine Teuern! – Ich will euch also ohne Umstände berichten, daß gestern Cousin Georg eine lange Unterhaltung mit mir hatte, in deren Verlauf er mir sein Herz ausschüttete, das für Florentine glüht. Er bat mich um ihre Hand, worauf ich natürlich nichts weiter antworten konnte, als daß ich dir getreulich seinen Antrag übermitteln werde. Jetzt ist es also an dir, eine Entscheidung zu treffen. – Georg war der Neffe meines Mannes. Ich kenne ihn seit fünfundzwanzig Jahren. Er hat ein hübsches Vermögen, ist äußerlich kein unebener Mensch, genügend intelligent und durchaus Gentleman. Du dagegen bist jung, hübsch, aber – nicht reich und wirst es auch in Zukunft nicht werden; denn ich habe mein kleines Erbteil auf Leibrente gegeben, um uns eine bequeme Existenz zu ermöglichen. Meine Pension hört bei meinem Ableben auf, und es ist daher Zeit, ernsthaft an die Zukunft zu denken. – Nun, was sagst du zu Herrn Georg?«

Florentine war etwas blaß geworden. Mit zwanzig Jahren träumt man schließlich von anderen Männern als von würdigen Herren mit fünfundfünfzig Jahren. Sie hatte Herrn Vaudrez recht gerne und war von Kindheit an gewöhnt, ihn als Verwandten anzusehen, obwohl er es nicht war; aber niemals hatte ihr Herz in seiner Gegenwart höher geschlagen, und trotz seiner sehr deutlichen Aufmerksamkeit war ihr der Gedanke, seine Lebensgefährtin zu werden, niemals gekommen. Sie war ein zartes Kind, noch vollkommen unschuldig und selbst unwissend in alledem, was sich hinter dem Worte Liebe verbirgt. Wohl hatte sie sich oft, zumal bei der Lektüre, ihre Zukunft etwas anders ausgemalt, als sie sich jetzt vor ihren Blicken zeigte, aber sie empfand auch nicht gerade Angst oder Widerwillen bei dem Gedanken, ihre zarte kleine Hand für immer in die des Herrn Georg Vaudrez zu legen.

»Mein Gott, Tante«, sagte sie nach einem kurzen Stillschweigen, »Sie kennen das Leben besser als ich. Sorgen Sie also für mich, wie Sie es für richtig halten.

Das bedeutet: ich bin zwar nicht leidenschaftlich verliebt in Georg, aber er gefällt mir immerhin gut genug, um die nette Stellung, die er mir bietet, annehmen zu können, trotz seiner fünfundfünfzig Jahre.«

»Ich weiß nicht, ob es ganz genauso ist … oder vielmehr … ja … ich würde glücklich sein, dem guten Herrn Vaudrez zu gefallen.«

»Ach du meine Güte!« rief Julia, »das ist nicht schlecht! Jemanden heiraten, einzig und allein, um ihm eine Freude zu bereiten! Das ist noch nicht dagewesen! Man kennt Ehen aus Neigung, Ehen aus Vernunftgründen, aber die Ehe aus Gefälligkeit, das ist unerhört! Mein Kompliment, liebe Schwester, aber ich werde deinem Beispiel gewiß nicht folgen.«

»Du wirst es vielleicht bereuen«, sagte die Tante. »Glücklicherweise handelt es sich nicht um dich, sondern um Florentine, und ich werde unverzüglich hineilen und den guten Georg in den siebenten Himmel befördern, indem ich ihm die Einwilligung deiner Schwester überbringe.«

Madame Briquart erhob sich und verließ das Speisezimmer, und auch die jungen Mädchen zogen sich, jede in ihr Zimmer, zurück, um über den Vorfall nachzudenken.

Eine Heirat ist in jedem Hause eine äußerst wichtige Angelegenheit. Die Ankündigung der ihrigen beunruhigte Florentine weit weniger als ihre Schwester Julia. Nicht daß diese Neid empfand, dazu liebte sie die Schwester zu sehr. Aber die Worte der Madame Briquart, die zum erstenmal den Schleier, der über ihrer Zukunft lag, ein wenig gelüftet hatte, stürzten sie in die heftigste Unruhe.

»Ohne Vermögen – –« sagte sie sich. »Also verurteilt, entweder alte Jungfer zu bleiben oder die Gefährtin eines verliebten Alten zu werden! Denn wer anders heiratet in unserem lieben Vaterlande ein Mädchen ohne Mitgift! Das ist heiter…. Aber resignieren – niemals! Die ganze Natur wiederholt unaufhörlich das Wort Liebe … in allen Büchern ist es, in mir selbst erklingt es fort und fort…. Irgend etwas muß es geben, ein Unbekanntes, ein Herrliches…. Und ich sollte darauf verzichten, es nie kennenlernen, nur um eine ruhige und beschauliche Existenz zu führen, deren kleine Leiden und Freuden ich schon im voraus hasse? Niemals!« Aber gegen diese feste Versicherung klang wie ein gewichtiger Baß die Gegenfrage:

»Und wenn du ihn nun nicht findest, den jungen, schönen, reichen Ehemann, der dich anbetet? Was dann?«

Und nur das Stillschweigen gab Antwort auf diese Frage.

Florentine quälte sich nicht mit solchen unruhigen Gedanken. In ihren Träumen sah sie vor ihren Blicken schon das beneidenswerte Dasein einer Schloßherrin sich abspielen. Georg bewohnte nämlich fast das ganze Jahr hindurch ein hübsches Schloß in der Nähe von Paris, das sie kannte, da sie manchmal ihre Ferien dort verlebt hatte. Dort sah sie sich in einem großen Thronsaal präsidierend und ihre Gäste empfangend. Die Tage würden von Sonnenschein durchleuchtet und von dem Geruche der Feldblumen durchduftet sein und ausgefüllt mit den zahlreichen Beschäftigungen, die das Landleben mit sich bringt. Und mittags saß sie inmitten ihrer Familie, um sie herum kleine Kinder, die sie Mama nannten … und hinter dem liebenswürdigen Bilde erschien ein weißes Haupt, dessen Augen sie liebevoll betrachteten: Georg. Dieser Zukunftstraum grub sich so tief in ihr Herz ein, daß sie am Abend mit wirklichem Glücksgefühl ihre Hand in die des Herrn Vaudrez legte und das »Ja« flüsterte, das er so sehr ersehnte.

Ohne die Sache überstürzen zu wollen, wünschte Madame Briquart doch, die Eheschließung nicht in die Länge zu ziehen, und ihr Neffe war derselben Ansicht. So gab es sechs Wochen hindurch ein ewiges Kommen und Gehen von Schneidern und Modistinnen. Madame Briquart nahm es sehr genau mit diesen Dingen.

»Ich kann dir nur eine Aussteuer mitgeben«, sagte sie zu ihrer jungen Nichte, »aber die soll wenigstens hübsch sein.«

Und die gute Dame wählte mit minutiöser Sorgfalt namentlich die koketten Nachtgewänder aus, die feinen bebänderten Hemden und jene tausend Nichtigkeiten, die zusammen den reizenden Rahmen für die Liebesnächte abgeben.

»Aber, liebe Tante«, sagte Florentine gelegentlich, »warum diese Feinheit und Sorgfalt bei Gewändern, die doch niemand sieht?«

Dann lächelte die alte Dame und sagte:

»Laß mich doch, das macht mir eben Spaß.«

Madame Briquart kannte das Menschenherz und wußte sehr gut, daß ihr Neffe, der sehr lange seine Rechte als Junggeselle ausgekostet hatte, kein allzugroßer Sünder vor dem Ewigen mehr sein werde. Er hatte die Tage seiner Jugend und einige darüber hinaus in einem mehr raffinierten als soliden Milieu verbracht, wo der äußerste Luxus die Stelle der Seelenneigung einnimmt, die bei den Venuspriesterinnen im allgemeinen selten ist. Sie wollte daher nicht, daß die Sinne des neuen Ehemannes durch trübe Vergleiche erkältet würden, und sie erinnerte sich dabei an ein Ehepaar, dessen Lebensweg mit Rosen bestreut zu sein schien und das doch nach kaum vierzehn Tagen des Ehelebens tief unglücklich geworden war, nur weil die junge Frau, schlecht angeleitet von ihrer sparsamen Mama, in der Hochzeitsnacht ein Paar solide graue Wollstrümpfe und ein Nachthemd von ähnlicher Qualität angezogen hatte. Daher sparte sie weder Mühe noch Sorge.

Endlich war der große Tag gekommen. Florentine sah reizend aus unter ihrer Orangenblütenkrone und den weißen Wolken ihres Hochzeitskleides, als sie ihrem Ehemann ewige Liebe und Treue schwur. Nach einem kleinen Frühstück unter den engeren Freunden stieg sie etwas erregt, aber durchaus nicht ängstlich in den Wagen, der sie zu Georgs Schloß führte, wo dieser in Übereinstimmung mit Madame Briquart die ersten Stunden der ehelichen Intimität verbringen wollte. Er konnte die Mode nicht leiden, die gleichgültigen Mauern eines Hotelzimmers zu Zeugen der ersten leidenschaftlichen Seufzer Jungverheirateter zu nehmen, und zog es daher vor, sie dem Hause anzuvertrauen, wo er sein Leben zu verbringen gedachte. Hier würden sie als ein Echo haftenbleiben und in bösen Tagen die Ehegatten mit ihrer freundlichen Erinnerungsstimme trösten und erheitern.

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