Die Memoiren des Grafen von Tilly - Zweiter Band
von Alexander von Tilly aus dem 18. Jahrhundert
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Kapitel 1:Vierzehntes Kapitel
Le Sage seul dispose de son sort; les autres ne vont pas, ils sont entraînés.
Unsere Neigungen folgen uns bis ins Grab. – Nach meiner letzten unglücklichen Leidenschaft hielt ich mein Herz für unzugänglich. – Neue Liebschaft. – Schilderung Adelinens. – Herr von Veimeranges, – Mißgriffe in Urteilen über die Menschen. – Widersprüche und falscher Eifer meiner Freunde knüpften mich fester an Adelinen. – Vorurteile meiner Verwandten. – Die Königin. – Ihr strenges Urteil über mich. – Mein Schreiben an sie. – Folgen. – Ihre Beschuldigung macht mich zu ihrem Feinde. – Ich versöhne mich in der Revolution. – Mein Leben nimmt durch sie eine neue Wendung. – Kein Glück für den Jüngling in der wilden Liebe, in den Ausschweifungen. – Veimeranges und ich. – Nähere Umstände über ihn. – Ich leiste ihm einen wichtigen Dienst. – Seine Gefahr. – Sein Tod. – Der junge Sartine. – – Adeline verläßt mich. – Meine Wut. – Ich sehe sie wieder. – Ich beschließe, mich zu rächen. – Mademoiselle Dufayel. – Ich söhne mich zum Schein mit Adelinen aus. – Ich verlasse sie. – Nächtlicher Auftritt bei Mademoiselle Dufayel mit Adelinen und dem Prinzen d’Henin. – Meine Verbindung mit Rosalien. – Zweite Rache. – Adeline und Rosalie versöhnen sich auf meine Kosten. – Die Griechischen Hetären. – Die heutigen Kurtisanen. – Der Prinz Joseph von Monaco. – Der Chevalier de Curne. – Anekdoten von Rosalien. – Ihr Porträt. – Sophie von Lorville. – Ich besuche sie auf ihrem Landgute. – Sie ist Witwe. – Herr van V … (ihr nachheriger Gatte.) – Ich suche, sie zu verbinden. – Meine Geschichte mit der Präsidentin von … beschleunigt das Geschäft. – Robespierre. – Ehrenerklärung an das schöne Geschlecht. – Der Präsident überrascht mich in einer geheimen Unterredung mit seiner Gemahlin. – Es zieht sich mit ihr aufs Land zurück. – Wie sich die Ehemänner zu benehmen haben. – Die Präsidentin hat eine Schwester. – Sophie vermählt sich mit Herrn von V… – Meine ungerechte Härte. – Ich verlasse das Schloß. – Mein Abschiedsschreiben. – Schilderung eines Mannes, den ich mir zum Freunde wünschen würde. – Frau von L.C., Schwester der Präsidentin, kommt nach Paris. – Ich ersuche sie um eine Unterhaltung. – Ihre Schönheit. – Meine Leidenschaft. – Ihre Vorurteile gegen mich. – Der Prior des Klosters von … – Ich legen einen tiefen Plan an. – Vorläufige Maßregeln, einleitende Gespräche. Strafbare List. – Erfolg. – Ihre Blatternkrankheit. – Meine Trennung von ihr. – Meine Verzweiflung. – Ihr Schicksal. – Der Graf von Maillebois. – Seine junge Nichte, antik gekleidet. – Lieblichkeit und Gefahren dieses Kostüms. – Rückkehr nach Paris. – Frau von L… und ihre Mutter. – Ich erneuere meine Bekanntschaft. – Fräulein von Coulanges. – Ihr Tod. – Der Prinz von Beauffremont. – Die Mutter der Frau von L… erschwert mir den Zutritt zur Tochter. – Zwei abgesonderte Epochen im Leben der Frauen. – Ich mache der Mutter und Tochter den Hof. – Meine Kriegslist. – Ich verlasse sie beide. – Die Tochter verzeiht mir. – Die Mutter nie. – Der Herzog von Choiseul. – Der Marschall von Stainville, sein Bruder. – Jener, unschuldig am Tode des Vaters Ludwigs XVI. – Dieser ein unausstehlicher Schwachkopf. – Betrachtungen über schlechte Minister. – Das Mädchen im Palais Royal. – Alte Bekanntschaft. – Wie ich mich gegen sie betrage. – In diesen Zeitraum fallen zwei fixe Ideen, von denen ich Mühe habe, mich zu befreien. – Luftschlösser. – Der Gedanke an den Tod. – Melancholie. – Betrachtungen über das Leben…
Der Schiffer, der auf kühnem Fahrzeuge hundertmal dem stürmischen Weltmeere getrotzt hat, und dessen Gefahren und Schlünden nur durch ein halbes Wunder entgangen ist, vertraut sich den Wellen aufs neue an. – Der Jäger, welchen sein wildes Roß quer durch den Wald fortreißt und der, ein zweiter Hippolyt, auf dem Sande geschleift worden, der die Spuren seines Blutes trägt, heilt seine Wunden; kaum von den Todespforten zurück, noch schwach und kraftlos, hört er das Wiehern und Stampfen der Rosse, das Hundegebell, den Schall des Waldhorns, das Hussa des Jagdgefolges; er springt auf vom Lager, er fliegt neuem Vergnügen zu, verbunden mit neuen Gefahren. – Jener Greis, dessen dürre gerunzelte Hand beim Goldwühlen erstarrt, stand vor kurzem mit einem Fuße im Grabe, schon sah er den gierigen Erben jeden seiner Atemzüge zählen und auf den letzten harren, schon sah er ihn in Gedanken und mit Sehnsucht die Schätze verschwenden, die er mühsam gesammelt hat; er strengt sich an, erhebt sich vom Lager, lebt halb wieder auf, und kriecht zitternd in seine Kleider… Wird er die kleine Lebensfrist genießen? Wird er von dem Golde Gebrauch machen, das der Erbe schon mit den Augen verschlang, um es zu versplittern und des Erblassers zu spotten ? Nein, er scharrt von neuem, er bewacht den Geldkasten von neuem, bleich und hager, bis die Parze seinen Faden zerschneidet und er mit Entsetzen stirbt, weil ihm seine Einbildungskraft die Beerdigungskosten vorrechnet! – Und jener Jüngling, der in früheren Jahren seine Unschuld in den Schlingen der Sirenen verlor und mit seinem Golde unschuldige Schlachtopfer erkauft hat, – der, edler Liebe unwürdig, sein Herz an die Wollust gehängt Und sein Leben in Sinnlichkeit aufgelöst hat, – dessen Geschäft und Handwerk die Verführung war: – er wird nie von dieser Schandbahn zurückweichen, nie den Kreis verlassen, in welchen ihn Verirrung und Verblendung gebannt haben; er wird sterben, wie er gelebt hat, wird im grauen Haar noch Liebe und Eroberung träumen und, über diesen einzigen Punkt getäuscht, über alle anderen entzaubert, den Geist verzweifelnd aufgeben.
Nach dem Verlust, den ich erlitten, nach dem tiefen Eindruck, den er auf meine Seele gemacht, glaubte ich mein Herz für die Liebe und ihre mannigfachen Gefahren verschlossen. Ich widerstand ihr, oder vielmehr, von ihren Pfeilen kaum geritzt, hatte ich nicht einmal das Verdienst des Widerstandes. Einem Schmerze preisgegeben, der nur einen verschiedenen Charakter angenommen hatte, ohne etwas von seiner Stärke verloren zu haben, fand ich in ihm einen Trauerreiz, den ich für die Gewähr einer unerschütterlichen Gleichgültigkeit hielt. – Täuschende Einbildung! Trügerische Hoffnung der Ruhe! Ich verlor sie, diese Ruhe, bei einer, die mich keine Gefahr ahnen ließ!
Es war damals ziemlich allgemein Sitte, daß die jungen Leute, die das Schauspiel besuchten, zwischen beiden Stücken in das Versammlungszimmer 1) der Schauspieler gingen, wo sie die hübschesten und liebenswürdigsten Aktricen antrafen. Mademoiselle Adeline, deren Bekanntschaft ich schon früher gemacht hatte, als Sennecterre ihr den Hof machte, hatte damals den Gipfel ihres Bühnenrufes erreicht. Zwar nicht in der Schauspielkunst die erste, obschon nicht ohne Talent, war sie es unstreitig in der Buhl- und Verführungskunst. Im Vaterlande der Bajaderen würde sie Königin derselben gewesen sein. Ihr Gesicht hatte nicht die regelmäßigen Züge, die Maler und Bildhauer zum Modell wählen; wohl aber waren sie geeignet, den Kopf des Weisen zu verrücken und den schlafenden Satyr aus der Ermattung des Rausches zu wecken. Es war ein Ensemble, eine Tournüre, deren Geheimnis sie allein besaß; dabei war ihrer Unterhaltungssprache ein sehr freies Geplauder eigen, das aber die Grenze des Wohlstandes nie überschritt, während Augen und Blicke das Ungesagte ergänzten.
Um die Zeit, von der ich rede, lebte sie mit einem Manne, der sie mit Wohltaten überhäufte, und der, um sie zu bereichern, nichts weiter bedurfte, als es zu wollen, und er wollte es. Dieser Mann war Veimeranges. Er war oft nahe daran, Minister zu werden, begnügte sich aber sehr weislich mit der Gewalt, die er ziemlich despotisch über den Marschall von Ségur, und vor allem über Herrn von Calonne ausübte. Aus diesen zwei ergiebigen Quellen schöpfte seine Habsucht und seine Unersättlichkeit. Man kann nicht von ihm sagen, daß er ein Mann von Geist gewesen, aber ein Mann von Kopf war er, das heißt, er war ein tüchtiger Arbeiter und ein spekulativer Finanzier. Doch war er es nur bis zu dem Augenblick, wo sich die Liebe seiner bemächtigte und er in die Schlingen der Sirene fiel – in einem Alter, wo der Verliebte wieder Kind wird und wo die Leidenschaft an Stärke zunimmt, weil sie den Menschen am schwächsten findet. So erging es ihm, die Liebe machte ihn für die Geschäfte ungeschickt und stürzte ihn in tausend Torheiten. Früher galt er für den Verfasser lichtvoller Aufsätze und Abhandlungen, worin freilich die Akademie eine Menge Fehler der Schreibart gefunden haben würde, die aber für das Finanzfach und die Staatsverwaltung das waren, was sie sein sollten, weil sie das Ziel im Auge behielten, die Fragen erörterten, sie unter ihren verschiedenen Gesichtspunkten darstellten und die Aufgaben lösten. Ich für mein Teil habe nichts von ihm gesehen, als einige Briefchen an den Gegenstand seiner Zärtlichkeit, an die Dame seiner Gedanken, die sich die Freiheit nahm, sich über ihn lustig zu machen. Diese Episteln waren Erzeugnisse der stockdummsten Anbetung, dabei erbärmlich stilisiert, kaum französisch und, auf Ehre! nicht einmal orthographisch geschrieben.
Das ist – auf Ehre! – die reine lautere Wahrheit!
Ruf und Nachruhm! Stimme des Publikums! Wie oft seid ihr der schallende Nachhall der Lüge! O Fortuna! Blinde Göttin, wie wenig entscheidend sind deine Urteile, wie bedeutungsleer deine Gunstbezeigungen!
Damals wurde Veimeranges’ Geliebte, Adeline, von vielen jungen Leuten meiner Bekanntschaft förmlich belagert, deren Absicht nicht so sehr war, sie ihrem Anbeter abzugewinnen, als ihn zu foppen. So pflegt es zu gehen: Mancher, den man nicht achtet, weil er nichts in den Augen der Welt ist, wird zu etwas, wenn man Vergnügen daran findet, ihn zu demütigen. Adelinens Herz war frei. Sie betrachtete sich als Witwe. Ihre letzte Liebe war abgestorben; getrennt von dem 2), der sie in hohem Grade besessen hatte, fühlte sie keinen Trieb, ihm einen Nachfolger zu geben. Seinem Andenken treu, und aus Herzensleere auch Veimeranges – nicht untreu, war ihre Wahl noch auf keinen Dritten gefallen, als einer meiner Freunde, der einen hohen Begriff von seinen Verdiensten hatte und sich für unüberwindlich hielt, mich unbedachtsamerweise und fast wider meinen Willen mit sich ins Foyer fortzog. War es meine niedergeschlagene Miene, die sie rührte, genug, meine Traurigkeit machte Eindruck auf sie, so wie ihre Reize aufhörten, gleichgültig für mich zu sein, sie machte meine Eroberung, ohne daß ich es merkte, sie bestimmte mir eine Stelle, um die so viele buhlten, ich fühlte mich zu ihr hingezogen und erhielt den Zutritt zu ihr. So geschah es, daß sich ein Verhältnis entspann, das von meiner Seite mit so viel Anstand, so viel Methode, mit einer so reinen Ehrbarkeit angefangen wurde, als käme es darauf an, das Herz einer Jungfrau, einer Vestalin, einer zweiten Frau von Tourvel 3) zu gewinnen. Indem ich ihr von meiner früheren Liebe erzählte, fand ich mich, ohne es zu wissen, in eine neue verwickelt.
Habe ich hier nicht das menschliche Herz mit allen seinen Gebrechlichkeiten und Schwächen nach dem Leben geschildert?
Dieser Verkehr, anfänglich nur dem Vergnügen gewidmet, verwandelte sich bald in die zärtlichste Zuneigung und gewann volle Herrschaft über mich. Ich überließ mich meiner Leidenschaft um so mehr, da mir von allen Seiten Hindernisse in den Weg gelegt wurden und eine starke Opposition sich gegen mich erhob. Dadurch, daß man aus unzeitigem Eifer das Verhältnis kurz und schnell abbrechen wollte und sich dabei ungeschickt benahm, befestigte man den Bund unserer Herzen. Der Mensch leistet Widerstand, wenn man ihn mit Gewalt zwingen will, er gibt nach, sobald man sich das Ansehen gibt, ihn sich selbst zu überlassen. Nitimur in vetitum semper.
Es bildete sich eine förmliche Verschwörung von seiten derer, die wirklichen oder vorgeblichen Anteil an mir nahmen; man wolle mich, so hieß es, aus den Schlingen retten, die mir gelegt würden; man wolle mich den Gefahren entreißen, die mir drohten, man wolle meiner Moralität, die im Begriffe stehe, Schiffbruch zu leiden, zu Hilfe kommen. Sogar die erste Dame in Frankreich – ich könnte sagen, in Europa – ließ sich herab, mir bittere Vorwürfe machen zu lassen. Die grundloseste Verleumdung hat diesen Zeitpunkt meines Lebens mit ihrem Gifte überschüttet und denselben mit den schwärzesten und gehässigsten Farben ausgemalt. Wie die Unglücklichen, die den wilden Tieren vorgeworfen wurden, wurde ich es dem Teile des Publikums, dessen Geschäft und Leben darin besteht, den guten Namen anderer zu schänden. 4) Man setzte hinzu: »Ich richte Herrn von Veimeranges zugrunde und bediene mich dazu der Gewalt Adelinens über ihn. Das sei der Grund und die Erklärung meiner Beharrlichkeit bei einer Person, die nichts an sich habe, wodurch sich eine unedle Leidenschaft rechtfertigen ließe, eine Leidenschaft, die, wenn sie ernsthaft gemeint sei, nur um so lächerlicher sein würde.«
Nichtsdestoweniger hat es seine Richtigkeit. Wer Adeline gesehen und gekannt hat, ist leidenschaftlich in sie verliebt gewesen; bei einer großen Verführungsgabe war sie – obschon nicht ohne Fehler – weniger tadelns- und verdammungswert als viele Frauen, von denen man Gutes sagt.
Ebenfalls hat es seine Richtigkeit, daß Herr H… de Saint-Foy, als Börsen- und Spielspekulant und Agioteur in ganz Paris bekannt, mir damals einen Reingewinn von zweihunderttausend Franken bei einem Geschäft anbot, welches er mit dem Abbé d’Espagnac betrieb, und daß beide Herren mir auf meinen Anteil einen ersten Vorschuß von zehntausend Franken, machten. Herr von Saint-Foy stellte mir ein Blatt 5) zu. Auf diesem Blatte, so viel ich mich dessen entsinnen kann – denn von einem Geschäft dieser Art, von dem ich so wenig verstand und das meiner Lebensweise so fremd war, ist es unmöglich, die genauen Einzelheiten anzugeben – standen fünf Zahlen. Es kam darauf an, daß Veimeranges seinerseits fünf damit übereinstimmende darunter setzte. Ich ersuchte Adelinen um die Gefälligkeit, diesen Auftrag zu übernehmen. Sie tat es in der Ueberzeugung, mir einen Dienst zu leisten und stellte mir am folgenden Tage das gehörig agnoszierte Blatt wieder zu. Ich legte es einem Wechselmakler, Namens P… de C… vor, der, ich weiß nicht was, darunter schrieb und es mir zurückgab. So kam es endlich in Herrn de Saint-Foys Hände, und dieser zahlte mir einige Tage nachher zweiundzwanzig Kassenscheine, jeden von tausend Franken, aus. Er begleitete die Papiere mit einer langen Auseinandersetzung, die ich kaum anhörte, und worin er sich Mühe gab, mir zu beweisen, es finde sich in der Berechnung ein Irrtum von fünfhundertvierunddreißigtausend Franken, woraus sich denn nur ein Reingewinn von sechsundsechzigtausend Franken ergebe, dessen Dritteil – nämlich zweiundzwanzigtausend Franken – er die Ehre habe, mir als meinen Anteil bar zuzustellen. Barême selbst hätte nicht besser rechnen können. 6)
Inzwischen schloß ich mich mehr und mehr an die an, von welcher man mich durchaus, selbst durch die unwürdigsten Mittel, trennen wollte. Diese Verfolgung knüpfte das Band nur fester, und machte zur Leidenschaft, was sonst vielleicht eine vorübergehende Neigung und Grille 7) gewesen sein würde. Eine Frau von großem Verstande, eine Freundin von mir oder vielmehr von meiner Familie, ließ mich ersuchen, zu ihr zu kommen und bearbeitete mich förmlich mit Gründen, die mich bewegen sollten, von Adeline abzulassen; da aber ihre Gründe nichts vermochten, setzte sie Schmähungen an die Stelle, schimpfte auf Adeline und auf mich, und ereiferte sich dergestalt, daß ich lachen mußte, weil der Zorn ihre an sich häßlichen Züge vollends verunstaltete. Unter andern fragte sie mich: Was ich zwischen der ersten und vornehmsten Buhlerin in Paris 8) und einer Straßendirne von der Rue St. Honoré für einen Unterschied fände; worauf ich zur Antwort gab: »Diesen, daß letztere, ohne Erziehung, ohne Geschmack, nur für Ihren Lakaien gefährlich ist, während jene, mit dem reichen Schmuck der Verführung angetan, Ihren Freund, Madame, Ihren Bruder an sich lockt, und wohl gar Sie Ihres Liebhabers, Ihres Gatten beraubt.« – Diese Antwort mißfiel der Dame sehr, denn ihr Herr Gemahl, auf den sie, bei ihrem Mangel an Reizen, kindisch genug war, eifersüchtig zu sein, unterhielt damals eine kleine Tänzerin.
Inzwischen beging die Königin (denn ich sehe mich genötigt, bei dieser Veranlassung, wo ihr erhabener Name ungenannt bleiben sollte, ihrer noch einmal zu erwähnen) die folgewidrige Ungerechtigkeit, durch ein Wort – das vom Throne herab denjenigen, den es trifft, auf der Stelle vernichtet – einem jungen Manne die Ehre zu rauben. »Ich mag (sagte sie) nichts mehr von Herrn von Tilly wissen, der öffentlich mit einer Schauspielerin auf Kosten des Herrn von Veimeranges lebt, welcher den Staat bestiehlt.« 9)
Das letzte war begründeter als das erste. Veimeranges schöpfte aus den öffentlichen Quellen, ich hingegen aus den Quellen meines Privatvermögens, die von Jahr zu Jahr mehr versiegten. Er, versunken und verloren in dem Strudel von Paris und sich nicht zum besten mit seinem Gewissen stehend, stellte sich, als habe er die Donnerworte nicht gehört: Ich hingegen hätte sie gehört und wollte sie gehört haben. Ich fliege nach Versailles, pallidus morte futura, die Wut im Herzen, einer Verzweiflung preisgegeben, die ich nicht zu verbergen suchte. Ich eile zur ersten Kammerfrau der Königin, um eine Audienz bei Ihrer Majestät zu erhalten. Ich erfahre nachmittags, sie sei mir verweigert worden. Ich wende mich an die Palastdame, Herzogin von F …, die es nicht vergessen haben kann. Wieder eine abschlägige Antwort. Jetzt schrieb ich an die Königin:
»Allerdurchlauchtigste usw. 10)
Mit einem Erstaunen, dem nur meine Verzweiflung gleichkommt, habe ich den Ausspruch 11) Ew. Majestät über mich vernommen. Die Ew. Majestät schuldige Ehrerbietung schließt weder die Wahrheit, noch die Pflicht meine Ehre zu retten aus. Die Ehre ist mir teurer als das Leben. Auf die Gefahr, Ihre Königliche Gnade auf immer zu verlieren, wage ich es, Ew. Majestät untertänigst vorzustellen, daß Sie, gewiß ohne es zu wollen, mir die grausamste, 12) die unheilbarste Wunde geschlagen haben.
Es kann Ew. Majestät nicht unbekannt sein, daß mich die Vorsehung durch Geburt erhoben und mit Glücksgütern beschenkt hat. Noch mehr aber bin ich mit Abscheu gegen alles geboren, was unedel ist. Es liegt vielleicht in meinem Charakter, Eigenes zu verschwenden, aber die Niederträchtigkeit, Fremdes anzunehmen, ist fern von mir.
Ich muß Ew. Majestät um Verzeihung bitten, wenn ich auf Einzelheiten eingehe, wenn ich Ihr Zartgefühl verletze. Aber meine tödlich gekränkte Ehre zwingt mich dazu, – meine Ehre, die ich, wenn’s möglich ist, noch höher halte als Ew. Majestät selbst.
Ich gestehe, daß ein Verkehr, der sich die Mißbilligung Ew. Majestät zugezogen hat, tadelnswert ist, daß er aber eine so öffentliche Rüge, und zwar aus dem Munde Ew. Majestät verdiene, kann ich mich nicht überzeugen. Sie ist das Resultat verleumderischer Anschuldigungen, deren Opfer geworden zu sein ich mich nie trösten werde.
Ew. Majestät wissen, daß in Frankreich die Verleumdung niemanden schont, daß ihre Waffe alles trifft, selbst den Thron. (!) In meiner frühesten Jugend 13) bin ich Zeuge gewesen, daß Ew. Majestät Tränen vergossen haben, weil Sie verleumdet wurden; – und jetzt, jetzt da ich der Gegenstand der Verleumdung bin, geben Sie dieser Furie so leichtes Gehör, jetzt findet die Furie Glauben bei Ew. Majestät? Habe ich denn, ich, der das Glück gehabt, unter Ihren Augen erzogen zu werden, Ihren Haß verdient? Habe ich mich so vieler Gnade unwürdig gemacht? Die Furie findet Glauben bei Ew. Majestät, als wenn Ew. Majestät, von der Vorsehung so hoch gestellt, die Welt nicht kennen müßten.
Ich werde mich hinfort enthalten, vor Ew. Majestät zu erscheinen, wie ich es schon seit geraumer Zeit getan, obschon Sie geruht haben, mir sagen zu lassen: »Ihre Ungnade erstrecke sich nicht so weit, mich aus Ihrer Gegenwart zu verbannen, die erbetene Audienz sei mir bloß versagt worden, weil Sie mir nichts zu sagen hätten.« Der Himmel würde mir alles gewährt haben, hätten Ew. Majestät mich von jeher des Schweigens gewürdigt, mein Leben würde nicht vergiftet, meine Ehre nicht verletzt worden sein.
Sollte dieses Schreiben, dieser schwache Ausdruck meines Schmerzes, mir Verfolgung zuziehen, so wage ich es, Ew. Majestät zu beteuern, daß, nach dem was geschehen ist, jeder neue Unfall mich nur unempfindlich finden würde. Ew. Majestät haben mir alles genommen, selbst die Macht, Ihre Gnade wieder zu gewinnen, sie würde mir kein Ersatz für Ihre verlorene Achtung sein.
Mein sehnlichster Wunsch ist, daß kein tiefer Kummer je das Herz Ew. Majestät verwunde. Der höchste Rang hat seine Leiden. Das Glück Ew. Majestät ist mein sehnlichster Wunsch, obschon meine Jugend von Ihnen gebrandmarkt worden ist. Ich werfe mich Ihnen zu Füßen und flehe nochmals untertänigst Um Verzeihung, wenn ich Ew. Majestät von Dingen habe unterhalten dürfen, die Ihrer Beachtung unwürdig sind. Ich ersterbe usw.«
Meine Freunde sahen mich schon in der Bastille; ich selbst zweifelte nicht daran und erwartete meine Haft mit so wenig Unruhe, daß ich mich nicht einmal wunderte, als sie nicht erfolgte. Ich nahm Abschied von Versailles und habe es nicht eher wiedergesehen als in den ersten Stürmen und Gefahren des Hofes. Die Königin wunderte sich über meine Erscheinung; es schien sie zu befremden, mich unter denen zu sehen, die sie ihre Partei nannte, und die in meinen Augen von der Partei waren, zu welcher sich der ganze französische Adel hätte bekennen sollen. Ich blieb bei einigen Zeichen ihrer Gnade kalt und wunderte mich über ihre Verwunderung. Ich hätte das nicht tun sollen, sie handelte ihrem Charakter gemäß. Da sie selbst nicht verzeihen und ein gefaßtes Vorurteil nicht ablegen, konnte, so war es natürlich, daß sie mir eine gleiche Denkungsart zuschrieb und über meine plötzliche Wiederkehr stutzte.
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