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Die Abenteuer der Manon Lescaut und des Chevalier des Grieux

von Abbé Prévost aus dem 16. Jahrhundert

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Kapitel 1:

Ich bin genötigt, den Leser bis zu jener Zeit meines Lebens zurückzuführen, da ich zum erstenmal den Chevalier des Grieux traf. Das geschah etwa sechs Monate vor meiner Abreise nach Spanien. Obgleich ich nur selten aus meiner Zurückgezogenheit heraustrat, unternahm ich doch aus Liebe zu meiner Tochter verschiedene kleine Reisen, die ich aber nach Möglichkeit abkürzte.

Einmal befand ich mich auf dem Rückweg von Rouen. Meine Tochter hatte mich gebeten, vor dem normannischen Parlament ihren Anspruch auf einige Güter zu vertreten, der noch von meinem Großvater mütterlicherseits herrührte. Ich fuhr über Evreux, wo ich das erstemal übernachtete, und kam am nächsten Tag zur Mittagszeit nach Passy, das fünf oder sechs Meilen davon entfernt liegt. Zu meiner Verwunderung fand ich bei meiner Ankunft die ganze Einwohnerschaft in großer Aufregung. Die Leute stürzten aus ihren Häusern und versammelten sich vor der Tür einer elenden Schenke, vor der zwei bedeckte Fuhrwerke standen. Die Pferde waren noch angeschirrt, sie dampften vor Müdigkeit und Hitze.

Ich blieb einen Augenblick stehen, um mich nach der Ursache der Erregung zu erkundigen, konnte aber von der neugierigen Menge keine Aufklärung erhalten. Die Leute beachteten meine Frage gar nicht, sondern drängten sich stoßend und lärmend um die Schenke. Endlich erblickte ich im Tor einen Soldaten mit Bandelier und einer Muskete über der Schulter. Ich winkte ihn heran und bat ihn, mir den Grund der Aufregung mitzuteilen.

»Es ist nichts von Bedeutung, mein Herr«, sagte er zu mir. »Es handelt sich um ein Dutzend Freudenmädchen, die ich und meine Kameraden nach Le Havre-de-Grâce bringen, von wo aus sie nach Amerika eingeschifft werden. Es sind ein paar hübsche Mädchen darunter, was offenbar die Neugier dieser braven Bauern erregt.«

Ich wäre nach dieser Erklärung weitergeritten, wenn mich nicht das Geschrei einer alten Frau festgehalten hätte. Sie kam händeringend aus dem Gasthof heraus und rief, es sei eine solche unmenschliche Grausamkeit, daß einen Entsetzen und Mitleid ankämen.

»Was gibt es denn«? fragte ich sie.

»Ach, mein Herr, gehen Sie hinein«, sagte sie, »und sehen Sie selbst, ob ein solcher Anblick einem nicht das Herz zerreißt.«

Neugier trieb mich, vom Pferd zu steigen, das ich meinem Stallknecht überließ. Nur mit Mühe konnte ich mich durch die Menge drängen und trat dann ins Haus, wo sich mir in der Tat ein ergreifender Anblick bot.

Unter den zwölf Mädchen, die zu sechst an der Taille zusammengekettet waren, befand sich eins, dessen Gesicht und ganze Erscheinung so wenig seiner augenblicklichen Situation entsprachen, daß ich es in anderer Umgebung für eine Dame von Rang gehalten hätte. Die Niedergeschlagenheit dieser anmutigen Person und auch die Unsauberkeit der Kleidung beeinträchtigten ihre Schönheit so wenig, daß ihr Anblick mir Achtung und Mitleid einflößte. Sie versuchte, sich abzuwenden, soweit es ihr die Kette erlaubte, und ihr Gesicht den Blicken der Neugierigen zu entziehen. In dieser Bewegung lag eine Natürlichkeit, die aus wahrem Feingefühl zu kommen schien.

Da sich die sechs Wächter, die diese unglückliche Schar begleiteten, ebenfalls im Zimmer befanden, nahm ich ihren Anführer beiseite und bat ihn, mir Genaueres über das Schicksal dieses schönen Mädchens mitzuteilen. Er konnte mir nur eine ganz allgemeine Auskunft geben.

»Wir holten sie auf Befehl des Herrn Polizeipräfekten aus dem Pariser Frauengefängnis, dem Hospiz«, sagte er. »Sicherlich war sie nicht um ihrer Tugend willen dort untergebracht. Ich habe ihr unterwegs wiederholt einige Fragen gestellt, doch sie verweigert hartnäckig jede Antwort. Obwohl ich keinen Auftrag habe, sie mehr als die anderen zu schonen, lasse ich ihr doch einige Erleichterungen zukommen, denn sie scheint mir etwas tauglicher zu sein als ihre Gefährtinnen. – Übrigens«, fügte der Soldat hinzu, »dort ist ein junger Mann, der Ihnen sicher besser als ich über die Ursache ihres Mißgeschicks Auskunft geben kann. Er ist ihr aus Paris gefolgt und hat kaum einen Augenblick aufgehört zu weinen. Er muß ihr Bruder oder ihr Liebhaber sein.«

Ich wandte mich nach der Zimmerecke, wo der junge Mann saß. Er schien tief in Gedanken versunken. Niemals sah ich ein solches Bild des Schmerzes. Er war einfach gekleidet, verriet aber auf den ersten Blick den Mann von Stand und Erziehung. Ich näherte mich ihm. Er erhob sich, und ich erkannte in seinem Blick, in seinen Gesichtszügen und seinen Gebärden etwas so Edles und Vornehmes, daß ich sofort Wohlwollen empfand.

»Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen«, sagte ich, indem ich mich neben ihn setzte, »aber ich brenne vor Verlangen, etwas über dieses schöne Mädchen zu erfahren, das mir durchaus nicht für den bejammernswerten Zustand geboren zu sein scheint, in dem es sich augenblicklich befindet.«

Er antwortete mir offen, daß er mir nicht sagen könne, wer sie sei, ohne sich selbst zu erkennen zu geben, und daß er gute Gründe habe, unbekannt bleiben zu wollen. »Ich kann Ihnen nur so viel mitteilen, wie auch diesen Schuften dort bekannt ist«, fuhr er fort und wies auf die Soldaten. »Nämlich, daß ich sie mit einer Leidenschaft liebe, deren Heftigkeit mich zum unglücklichsten aller Menschen macht. Ich habe in Paris alles versucht, sie zu befreien. Aber Bitten, List und Gewalt blieben erfolglos, und so habe ich mich entschlossen, ihr, wenn es sein muß, bis ans Ende der Welt zu folgen. Ich werde mich mit ihr nach Amerika einschiffen. – Was aber das Unmenschlichste ist«, fügte er hinzu, indem er wieder auf die Häscher wies, »diese feigen Schufte wollen mir nicht erlauben, in ihre Nähe zu kommen. Ich hatte die Absicht, die Wächter einige Meilen hinter Paris anzugreifen, und schon vier Männer gedungen, die mir für eine beträchtliche Summe ihre Hilfe versprachen. Die Betrüger ließen mich jedoch im Stich und machten sich mit meinem Geld davon. Allein konnte ich jedoch mit Gewalt nichts ausrichten, und so streckte ich die Waffen. Ich schlug den Soldaten vor, mir wenigstens zu gestatten, ihnen zu folgen, und erbot mich, sie dafür zu bezahlen. Aus Habsucht willigten sie ein. Sie forderten aber jedesmal, wenn ich mit meiner Geliebten sprechen durfte, neuen Lohn. In kurzer Zeit war meine Börse leer, und da ich jetzt keinen Sou mehr besitze, stoßen sie mich brutal zurück, wenn ich nur einen Schritt auf sie zugehe. Erst vorhin, als ich mich der Geliebten trotz ihrer Drohungen zu nähern wagte, besaßen sie die Unverschämtheit, das Gewehr auf mich zu richten. Um ihre Habgier zu befriedigen und ihnen wenigstens zu Fuß folgen zu können, bin ich gezwungen, mein armseliges Pferd zu verkaufen, das mich bisher getragen hat.«

So gefaßt er diesen Bericht zu geben schien, es kamen ihm doch zum Schluß einige Tränen. Ich fand sein ganzes Abenteuer ungewöhnlich und ergreifend.

»Ich möchte mich nicht in Ihre Geheimnisse drängen«, sagte ich, »aber wenn ich Ihnen in irgendeiner Weise nützlich sein kann, so biete ich Ihnen meine Hilfe an.«

»Leider sehe ich nicht den kleinsten Hoffnungsschimmer«, antwortete er. »Ich muß mich meinem harten Schicksal unterwerfen. Ich werde nach Amerika gehen, wo ich wenigstens mit der, die ich liebe, in Freiheit leben kann. Einem meiner Freunde habe ich geschrieben und hoffe, in Le Havre-de-Grâce von ihm einige Hilfe zu erhalten. Meine einzige Sorge ist, glücklich dorthin zu gelangen und unterwegs diesem armen Geschöpf soviel Erleichterung wie möglich zu verschaffen.« Und er warf seiner Geliebten einen traurigen Blick zu.

»Ich will Ihre Sorgen erleichtern«, sagte ich. »Ich bitte Sie, diese kleine Summe anzunehmen. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht in anderer Weise dienen kann.«

Ich gab ihm, ohne daß die Wächter es bemerken konnten, vier Louisdor; denn ich dachte mir, daß sie ihm ihre Vergünstigungen noch teurer verkaufen würden, wenn sie von dem Gelde wüßten. Ich kam sogar auf den Gedanken, mit ihnen zu verhandeln, um für den jungen Liebenden die Erlaubnis zu erwirken, bis Havre jederzeit mit seiner Geliebten reden zu dürfen. Ich winkte also den Anführer zu mir und machte ihm einen entsprechenden Vorschlag, Trotz seiner Frechheit schien er sich ein wenig zu schämen.

»Nicht, daß wir uns weigern, mein Herr«, antwortete er mit verlegener Miene, »ihn mit dem Mädchen reden zu lassen. Aber er möchte immerfort bei ihr sein, und das ist uns unbequem. Da ist es doch nur recht und billig, wenn er uns für diese Unbequemlichkeit entschädigt.«

»Gut«, sagte ich zu ihm, »wieviel kostet es, Euch diese Unbequemlichkeit erträglich zu machen«?

Er besaß die Dreistigkeit, zwei Louisdor zu verlangen, und ich gab sie ihm sofort.

»Aber nehmt Euch wohl in acht«, sagte ich zu ihm, »daß Ihr mich nicht betrügt. Ich werde diesem jungen Manne meine Adresse geben, damit er mir berichten kann; und seid überzeugt, daß ich wohl in der Lage bin, Euch zur Rechenschaft zu ziehen.«

Die Geschichte kostete mich also sechs Louisdor.

Der vornehme Anstand und die aufrichtige Herzlichkeit, mit der dieser junge Unbekannte mir dankte, überzeugten mich vollends, daß er von Herkunft war und meine Freigebigkeit wohl verdiente. Ehe ich ging, sprach ich noch einige Worte mit seiner Geliebten. Sie antwortete mir mit einer so sanften und anmutigen Bescheidenheit, daß ich beim Weiterreiten unwillkürlich endlose Betrachtungen über die Unergründlichkeit des weiblichen Charakters anstellte.

Ich kehrte wieder in meine Abgeschiedenheit zurück. Eine Nachricht über den weiteren Verlauf dieses Abenteuers erhielt ich nicht. Fast zwei Jahre vergingen, und ich hatte es schon ganz vergessen, als der Zufall mich mit allen Einzelheiten der Umstände bekannt machte.

Ich war mit meinem Zögling, dem Marquis de X., von London nach Calais gekommen und, wenn ich mich recht erinnere, im Goldenen Löwen abgestiegen, wo uns bestimmte Gründe zwangen, den Tag und die folgende Nacht zu verbringen. Als wir des Nachmittags durch die Straßen schlenderten, glaubte ich jenen jungen Mann zu erkennen, dem ich in Passy begegnet war. Er war ziemlich schlecht gekleidet und viel blasser als bei unserer ersten Begegnung. Offenbar war er gerade in der Stadt angekommen, denn er trug unter dem Arm einen alten Mantelsack. Seine Züge waren jedoch so auffallend schön, daß man sie nicht so leicht vergaß.

»Wir müssen diesen jungen Mann sprechen«, sagte ich zu dem Marquis.

Die Freude des Fremden war unbeschreiblich, als er mich wiedererkannte.

»Ach, mein Herr«, rief er und küßte mir die Hand, »ich kann Ihnen also noch einmal meine ewige Dankbarkeit aussprechen!«

Ich fragte ihn, woher er komme, und er teilte mir mit, daß er vor kurzem aus Amerika nach Le Havre-de-Grâce zurückgekehrt sei.

»Sie scheinen nicht sehr bemittelt zu sein«, sagte ich. »Gehen Sie in den Goldenen Löwen, wo ich wohne. Ich werde Sie dort erwarten.«

Ich kehrte dann auch gleich voller Ungeduld zurück, um die Einzelheiten seines Mißgeschicks und die näheren Umstände seiner Reise nach Amerika zu erfahren. Ich erwies ihm alle erdenkliche Fürsorge und gab Anweisung, es ihm an nichts fehlen zu lassen. Er wartete nicht, bis ich ihn bat, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen, sondern kam meinem Wunsche zuvor.

»Mein Herr«, sagte er, »Sie haben so edel an mir gehandelt, daß ich es mir als Undankbarkeit anrechnen müßte, Ihnen irgend etwas von mir zu verheimlichen. Ich will Ihnen daher nicht nur mein Unglück und meine Leiden erzählen, sondern auch meine Fehler und meine tadelnswerten Schwächen bekennen. Ich bin sicher, wenn Sie mich auch verdammen, so werden Sie doch nicht umhin können, mich zu beklagen.«

Ich muß hier für den Leser bemerken, daß ich seine Geschichte fast unmittelbar, nachdem ich sie gehört hatte, niederschrieb und daß die Wahrheitstreue und Genauigkeit dieser Erzählung über jeden Zweifel erhaben sind. Ich gebe auch ebenso wahrheitsgetreu die Gedanken und Gefühle wieder, die der junge Abenteurer mit liebenswürdiger Unbefangenheit zum Ausdruck brachte.

Hier folgt nun sein Bericht:

Ich war siebzehn Jahre alt und beendete die oberste Klasse auf dem Gymnasium zu Amiens, wohin mich meine Eltern geschickt hatten, die zu einer der ersten Familien in P. gehören. Ich führte ein so besonnenes und geregeltes Leben, daß mich meine Lehrer als Musterschüler bezeichneten. Nicht, daß ich mir besondere Mühe gab, dieses Lob zu verdienen, aber ich besaß von Natur aus eine sanfte und ruhige Veranlagung und eine besondere Neigung zum Studium, und meinen natürlichen Widerwillen gegen das Laster rechnete man mir als besondere Tugend an. Meine Herkunft, der Erfolg meiner Studien und einige äußere Vorzüge brachten mir die Bekanntschaft und Achtung aller Bürger der Stadt ein.

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