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Die 8 Tage der Liebe

von Pietro Fortini aus dem 16. Jahrhundert

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Kapitel 1:

Einleitung

Als Jakob Ulrich 1887 seine kleine gründliche Studie über Pietro Fortini herausgab, schloß er sie mit den Worten: »Und wenn diese kurze Skizze die Aufmerksamkeit auf den zu wenig bekannten Dichter zieht und vielleicht jemand veranlaßt, sich auch dessen dramatische Arbeiten anzusehen, so ist der Zweck derselben erreicht.« Damals waren die Novellen Fortinis überall zerstreut, bekannt durch die Übersetzung waren nur zwei geworden, eine Gesamtausgabe der Werke Fortinis lag nicht vor. Schon im folgenden Jahr 1888 erschien aber die Hälfte des Werkes »Le Giomate delle Novelle dei Novizi«, zwei Jahre danach die andere und 1894 der erste Teil des Buchs »Le piacevoli et amorosi Notti dei Novizi«.

Die Nachrichten über Fortinis Leben sind sehr dürftig; auch aus den Novellen entnimmt man dafür so gut wie nichts. Er ist zu Siena am oder um den Anfang des sechzehnten Jahrhunderts geboren, stammte aus edlem Haus, verheiratete sich zweimal und starb 1562 kinderlos. Er erlebte alle Stürme, die über Siena kamen, im Alter noch den letzten, der mit dem Fall der Stadt endete, trat auf Herzog Cosimos Seite, der Siena mit seinem Reich vereinigte, war deswegen von seinen Mitbürgern gering geschätzt und weilte wohl deshalb so oft, wie er sagt, in seinem Landhaus.

Das einzige auf uns gekommene Werk Fortinis ist die in zwei Teile zerfallende Novellensammlung »Le Giomate delle Novelle de’ Novizi« und »Le piacevoli et amorosi Notti dei Novizi« (hier gleich »Anfänger in der Liebeskunst«). Das einzige bekannte Manuskript (ob von Fortinis Hand, ist unentschieden), gehörte dem Abbate Giuseppe Cialderi, Stadtbibliothekar von Siena, der es der Bibliothek schenkte. Es litt sehr, und eine Abschrift wurde erst genommen (in Italien nichts außergewöhnliches), als vieles schon unleserlich geworden war. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß wir in den Novellen nur einen Entwurf, eine erste Niederschrift vor uns haben, die zu bessern und zu feilen Fortini später nicht mehr Zeit oder Lust gefunden hat. So erklären sich die Häufungen (ein und dasselbe wird zwei-, dreimal mit einem nur wenig wechselnden Ausdruck gebracht), die Wiederholungen (so sagt er z. B.: »weil es dunkel war oder weil die Dunkelheit der Nacht groß war«), die unendlichen Ineinanderschachtelungen, mit einem Satz: die ungewöhnliche und unerlaubte Breite, unerlaubt vor allem bei einem so guten und klar aufs Ziel lossteuernden Erzähler.

Gewidmet sind sie im besondern der edlen, ehrsamen Frau Faustina Braccioni, die gebeten wird, sie mit aller gebührenden Nachsicht im Waldesschatten von Cellole, wenn sie vor den Sommergluten die Kühle sucht, zu lesen, vielleicht, daß sie sich dann auch an ihnen erfrischt. Gewidmet im allgemeinen sind sie all denen, die sie freundlich aufnehmen und gegen die bissigen Mäuler und giftigen Zungen verteidigen; daß sie das nötig haben werden, bezweifelt Fortini nicht. Geschrieben sind sie vor allem zum Nutzen und Frommen aller jener Jünglinge, die sich noch nicht zu raten und zu helfen wissen, der Novizen in der Liebeskunst; also eine Art Ars amatoria in Prosa. Fällt das Buch einem Mädchen oder einer jungen Frau in die Hand, so wird sie gewiß, wenn sie darin blättert, voller Entrüstung das Buch hinwerfen und empört den Autor schelten: »Sieh doch diesen Tagedieb, konnte er nichts anderes schaffen? Diese Geschichten fehlten uns gerade noch zu den hundert Novellen, dem Novellino, den Siebzig …« so wird sie schmähen vor den andern, aber heimlich wird sie das Buch wieder aufnehmen und in der Kammer für sich lesen und dabei wünschen, die Heldin in der oder der Geschichte gewesen zu sein. »Wenn aber die Versuchung über sie kommt, hoffe ich, wird sie Mittel und Weg finden, sie zu überwinden aus eigner Macht und Kraft, gerade wie die, von denen ich erzählte; wird mir dankbar sein und künftighin gegen ihren Liebhaber nicht mehr so hart und grausam wie ehedem.« Also auch für die Mädchen und Frauen eine Ars amatoria. So umschlingt das denkbar loseste Band diesen Novellenstrauß. Was der Tag ihm zuträgt, erzählt der Dichter. Es sind in den Giornate neunundvierzig Geschichten geworden. Im ganzen Novellenbuch achtzig, aber es hätten auch hundertundfünfundzwanzig, hundertfünfzig werden können. Fünf Frauen, zwei Jünglinge erzählen, jeder eine Geschichte. Eine Giornata, die sechste, ist mit Lyrik gefüllt, die auch sonst, wenn die Giornata zu Ende geht, zu ihrem Recht kommt: man singt zur Laute, meist Lieder von den Flammen der Liebe, in denen man lodert, von der Grausamkeit der Geliebten, selten von Gewährung und Erhörung, dann nimmt man in der Pergola, wo man sich an dem schönen Tag zusammengefunden hat – es singen die Vögel, es murmelt der nahe klare Quell, im Teich spielen die Fische, die Pfeile der Sonne prallen ab von dem dichten Jasmingebüsch, der Lorbeerhecke, den Rosensträuchern längs der Pergola – noch Erfrischungen zu sich, Marzipan, Konfekt, Wein, plaudert noch ein Weilchen und trennt sich dann bis zum nächsten Tag. Was man hier erzählt, ist einmal geschehen, versichert Fortini; es sind keine Novellen, also Erdichtetes, sondern größtenteils Geschichten mit geänderten Namen, vielleicht etwas zugestutzt, etwas Geschehenes. Man hat sie sich erzählt als da oder dort geschehen, von Mund zu Mund ging das Geschehnis, Fortini hielt es mit der Feder fest. Diese erste Niederschrift ist auf uns gekommen. Komponiert sind noch in gewissem Sinn die Giornate und beinahe vollständig erhalten; die Notti – es sind sechs Nächte – sind lückenhaft und lose miteinander verbunden; die sechste Nacht, die merkwürdigerweise in drei Tage (Giornate) zerfällt, enthält fast nur Novellen (ursprünglich dreißig, wovon aber die dreiundzwanzigste fehlt), die andern fünf: Verse, Komödien (darunter die Dialogisierung der dritten Novellen der Giornate unter dem Titel »Der Aal«), Novellen (unter denen die vom neuen Messias bemerkenswert ist: Ein Judenmädchen wird von einem Christenjüngling schwanger und weiß seinem Vater den Glauben zu vermitteln, an der Schwangerschaft sei es unschuldig. Er kommt auf die Erleuchtung, seine Tochter sei begnadet genug, um den neuen Messias zu gebären. Große Aufregung und großer Jubel unter der Judenschaft, bis das Kind geboren ist: Es ist ein Mädchen) und Erörterungen über Liebesfragen.

Es herrscht kein fester Plan vor, weder hier noch in den Giornate. Jeder erzählt, was ihm einfällt; nur am dritten Tag macht man eine Ausnahme, da wird der Priester- und Mönchstand vorgeführt, in erbaulichen Geschichten und noch erbaulicheren Exemplaren, eine Musterkarte vom Bischof bis zum Bettelmönch herab. Einige der Geschichten lassen sich auf eine bestimmte Zeit festlegen, so daß mit einiger Genauigkeit ihre Niederschrift anzugeben ist; so wird in der zweiten das Jubiläum erwähnt, wahrscheinlich das von 1525; in der sechsten Herzog Alessandro dei Medici von Florenz, in der ersten, dreizehnten und fünfundzwanzigsten die Belagerung Sienas, in der achtundzwanzigsten die Intronati.

Daß Fortini ein gebildeter Mann war, unterliegt keinem Zweifel. Daß er so gut wie die drei unerreichbaren Vorbilder Dante, Petrarca, Boccaccio auch Ariosto, Aretino, Bembo, Sannazaro kannte und ihnen zu folgen bemüht war, wissen wir aus seinen Werken. Auch bei ihm spielen die alten Götter eine große Rolle: Phöbus besteigt den Wagen und treibt die Rosse an; die Stimme der Prokne ruft; die Nymphe Echo antwortet aus hohlem Grund; der Bauer opfert der Ceres und dem Gott der Gärten. Die Verwandlung des Narziß wird erwähnt, und einmal heißt es vom Sterben sehr schön: »Er kehrte zur Urältermutter zurück.«

Fortini findet auch treffende Worte und klare Bilder, wenn er die Natur malt. Man sieht den klaren frischen Quell aus der Felsgrotte springen; man sieht das schattige Tal neben dem Hain auf dem Hügel; die Waldreben, das dichte Lorbeergesträuch und die Haselnußhecken bilden zusammen eine dichte grüne Laube mit einer halbbogenförmigen Tür, als hätte sie ein geschickter Gärtner gemacht. Wacholder ringsum und Efeu an den Lorbeerbaumstämmen. Er liebt den Tag und die Sonne.

Es ist ihm nicht eingefallen, eine Geschichte zu erzählen, die vor hundert und aberhundert Jahren oder in einem fremden Land spielt. Er fabelt nicht. Er erzählt, was in seinem Jahrhundert geschehen ist, was ihm selbst begegnet ist, was er hat erzählen hören, als vor noch nicht langer Zeit geschehen. So heißt es meist: »Vor wenig Jahren geschah das, vor zwei Jahren, vor noch nicht acht Tagen« und so fort. Er erzählt Dinge, die er kontrollieren kann. Er bleibt in seiner Zeit und bleibt in seinem Land, mehr noch in Mittelitalien, am liebsten in seiner Heimat. Er ist bodenständig, und es ist durchaus bezeichnend für ihn, daß von den 49 Novellen der Giornate 16 in der Stadt selbst, 15 in der Umgebung Sienas spielen, eine in Perugia, drei in Bologna, eine in Volterra, vier in Ferrara, zwei in Orvieto, eine in Viterbo, eine in Pisa, eine in Arezzo, eine ohne Ort nahe Toscana an einem italienischen Fürstenhof, zwei in Florenz und eine nahe Florenz. Man sieht, wie die sienesischen Novellen überwiegen. Er ist und bleibt Sienese und darum Feind der Florentiner, Neapolitaner, Spanier, denn sie haben Unglück über seine Vaterstadt gebracht. Nach ihm sind die Florentiner aufs äußerste sparsam, geizig – auch den Ferraresen wirft er Geiz vor –, furchtsam, das armseligste Volk von ganz Italien, das schlimmste und widerwärtigste Volk auf der Welt, nur die Spanier und Neapolitaner ausgenommen. Antona macht Rafaello einen Eierkuchen von einem Ei, dünn wie ein Blatt, recht nach Florentiner Art, und Rafaello selbst übertrifft an schmutzigem Geiz und Habsucht noch die Spanier, die darin doch allen andern Völkern über sind. Eifersüchtig sind sie natürlich auch, obwohl sie ihren Frauen nichts bieten, nicht Magd noch Diener zur Hausarbeit halten. Wenn Fortini das lombardische Volk als plump, nur tauglich zu grober Arbeit, roh in Leben und Sitten, die Viterbesen als jäh und wild erklärt, den Deutschen übergroße Neigung zum Essen und Trinken nachsagt, so ist das geradezu noch ein Lob im Vergleich mit dem, was sich die Neapolitaner und Spanier sagen lassen müssen. Beide standen allerdings schon seit langer Zeit im schlechtesten Ruf in Italien und mit Recht. Die Neapolitaner sind Prahler, frech und hochfahrend im Glück, klein und kriechend im Unglück; tagsüber hofieren sie Edeldamen, abends gehen sie ins Bordell; und hier bei den Dirnen stehlen sie wie die Raben. »Ich kann mich rühmen«, sagt das Prachtexemplar in der dreizehnten Novelle, »nie in solchen Häusern gewesen zu sein, ohne daß mir etwas an den Fingern kleben geblieben wäre.« Wenn sie nicht direkt stehlen, so indirekt wie jener Neapolitaner, der sich geradezu von einer Magd aushalten läßt. Sie gibt ihm Brot, Wein, Fleisch, Hafer für das Pferd, das er nicht besitzt, sogar Salz, bis er einmal vom Sohn des Hauses abgefaßt und so verprügelt wird, daß er auf sechs Monate ins Spital muß. Die gleichen Charaktereigenschaften und Wesenheiten werden den Spaniern nachgesagt, bei denen sie aber in noch schärferm Maß vortreten. Sie sind das Räubervolk und waren vor allem seit dem Sacco di Roma verrufen, wo sie sich als die Findigsten im Aufspüren von Schätzen und Ausdenken von Martern nach dem Zeugnis aller Berichte erwiesen. Neapolitaner und Spanier glauben wenig oder gar nicht an Gott; wenn sie stehlen, meinen sie ein Gott wohlgefälliges Werk zu tun. Darum läßt der Kapitän in der dreizehnten Novelle dies Gesindel schon für den kleinsten Diebstahl hängen. In Spanien Bauern oder Schweinehüter, barfuß, ohne Strümpfe, in groben Hosen, einen Fetzen Leinwand um den Kopf, spielen sie in Italien die großen Herren, putzen sich, wozu sie das Geld durch Stehlen und Rauben zusammenbringen, stolzieren wie die Granden einher, sind nichtige Prahler, Feiglinge, Mordbrenner, mit einem Wort, der Abschaum der Menschheit. Es mag sein, daß der Haß des Senesen in seiner Charakteristik sehr scharf zum Ausdruck kommt, aber was er sagt, haben andre mit, vor und nach ihm bestätigt. Seine Landsleute nennt der Dichter zuvorkommend und gefällig, dienstbereit vor allem gegenüber den Fremden. Die jungen Senesen, wie die Jugend überhaupt, haben keine Tugend; sobald eine Fremde sich blicken läßt, sind sie hinter ihr her, gerade als wäre sie eine Göttin. Selbst wenn es ein als Frau verkleideter Affe wäre, liefen sie wie die Narren ihm nach. Kein andrer Seneser Dichter macht uns so mit der Stadt vertraut wie Fortini. In den Gassen, auf den Plätzen bummeln die Studenten, Sonn- und Festtags im und vorm Dom, um die schönen Weiber zu sehen; abends kommen die Serenadensänger vor die Häuser und Fenster, und Frauen und Mädchen lauschen den Liedern, die zur Laute erklingen; nachts bleibt man am besten daheim, denn die Unsicherheit ist hier wie überall groß, oder man bewaffnet sich ordentlich und läßt sich von Dienern begleiten.

Wir gehen zu dem Florentiner Arzt, der in der Via Carnollia wohnt, im Norden der Stadt, wo auch die Kupplerin Monna Bartolomea haust, wir sind in der Via Postierla, wo die von dem Schulmeister ebenso heiß wie erfolglos geliebte Dame wohnt, mitten in der Stadt, gehen durch das Gäßchen des Bargello am Haus der kuppelnden Spitzenhändlerin vorüber, nach San Martino im Südosten, wo die billigsten Dirnen wohnen, nach Santa Maria del Carmine im Südwesten. Wir sehen die Loggia des Papstes, die Banchi, kommen an die Pferdetränke, treten in die Apotheke des Ceccone, weilen beim Ballspiel in den Orbacchi, und verlassen wir die Stadt, da finden wir vor dem Tor im Norden den Palazzo dei Diavoli, im Westen vor der Porta Fontebranda die Mühle, wo der Müller seine Frau betrügen will, die dann ihn betrügt, und südwestlich das alte Zisterzienserkloster San Galgano, den Schauplatz der zwanzigsten Novelle. In der Stadt und ringsum werden wir heimisch. Das Bild dieser so weit zurückliegenden Zeit, aus tausend Mosaiksteinen zusammengesetzt, steht in warmen Farben vor uns. Wir treten in den Laden des Kaufmanns, der mit Leinen, Barchent und anderem handelt, in die Apotheke, wo die Frauen ihre Schminken und Wasser kaufen, hören von den Schneidern, die so gern betrügen und denen man immer auf die Finger sehen muß, treten in die Wohnung der vornehmen Bürger, deren Frauen im Nähkörbchen einen Petrarca liegen haben, aber auch in die dürftigen Gelasse der Verarmten und Armen; wir wohnten der Hochzeit des reichen Städters und der des Bauern, des Schweinehirten bei; wir feiern den Fasching in der Stadt mit Maskeraden und tollen Scherzen – man geht in die Abendgesellschaften und spielt Komödien – und auf dem Land bei Spiel, Tanz, Sang, Trunk und Kastanienschmaus; wir erleben ein fettes Karnevalsmahl bei dem armen Priester, der sonst zwei Eier ißt und ein wenig dünnen Wein trinkt, jetzt aber Kapaune, Hühner Schweinsrücken, Trebbianer auftischt, alles nur, weil er auf ein, wenn auch kurzes Liebesglück hofft; wir sind in der Küche von San Galgano, wo die Würste in ihrem Fett schmirgeln und sich aufplustern, und im Tiegel der Büffelkäse mit Butter, Zucker und Gewürzen kocht; wir sind im Bürgerhaus, wo den Gästen als Erfrischung Wein, Artischocken und Früchte vorgesetzt werden, und bei den Dirnen nahe Santa Maria delle Grazie, die Konfekt und Marzipan knabbern. Wir ziehen auf den Wachtelfang mit Netz und Hund, hinaus aufs Stoppelfeld, stellen Leimruten im Wald zum Drosselfang, gehen auf die Hasenjagd, wir wohnen der Ernte bei, sehen das Korn dreschen, Strohfeime machen, die Weintrauben pflücken, wir sehen in buntem Zug alle Stände an uns vorüberziehen, den Arzt, den Studenten, den Schulmeister, den Bauern, den Patrizier, den Metzger, den Maler, den Schneider, den Kaufmann, den jüdischen Wucherer, den Notar, den Papiermacher… wer wollte alles aufzählen! Wie fein schildert er die spitzbübischen Florentiner Zollbeamten! Und das Judenhaus in Bologna!

Die Zeiten sind andre und schlimmere geworden; ärger vor allem aber sind geworden, die allen andern vorbildlich sein sollten: Priester und Mönche. Längst schon hat sie Fäulnis und Verderbnis ergriffen vom Papst an – einer in der Reihe der kirchlichen Regenten ist ja bekanntlich Alexander VI. –, jetzt ist es so weit gekommen, daß man den Mönch mehr als den Henker scheut. Man weiß nicht, was bei ihnen größer ist, Unwissenheit oder Unverschämtheit. Von ihrer Kleidung abgesehen, treiben sie es schlimmer wie die Soldaten. »Wenn wir auch Priester sind, so sind wir doch auch Menschen wie Ihr, und wie Euch gefallen uns die schönen Frauen!« sagt ganz naiv das Priesterlein, als es bei seiner Gevatterin auf offenem Feld erwischt wird. Wir kommen in das Nonnenkloster von San Bindo in Bologna und in das Mönchskloster von San Galgano bei Siena; in diesen beiden Schilderungen hat Fortini zusammengefaßt, was sich über geistliches Leben damals sagen läßt. Was bedarf es da noch solcher Figuren wie des Bischofs von Volterra, des Franziskaners von Asciano, des Florentiner Bruders von Santa Croce, des Franziskaners von Perugia! Päpstliche Breves erlauben den Mönchen den Aufenthalt außerhalb des Klosters, die frommen Brüder gehen weltlich gekleidet, sind im Haus der Dirnen daheim, sind Heuchler, Habsüchtige, Wollüstlinge. Die Sodomie heißt geradezu »Prälatenritte«, wenn sie auch nicht auf die Geistlichen beschränkt war. Der lüsterne Priester oder Mönch scheut vor nichts zurück, der Franziskaner in Perugia will im Kloster das junge Mädchen vergewaltigen, mißbraucht dann die Kirche mit der Herrin der Magd, der Franziskaner in Asciano verführt seine Nichte. Es ist kein Wunder, denn »außer ihren eignen Schlichen und Lastern lernen sie auch noch die unsern durch die Beichte kennen«. Die Verderbnis in Stadt und Land ist allgemein; hervorgehoben wird von Fortini, dem zweimal verheirateten, als Schmach aller Frauen die zügellose Unkeuschheit, worin wiederum die Schuld zum Teil bei der Geistlichkeit zu suchen ist. Auf dem Land ist es wie in der Stadt, wie es denn auch eine lächerliche Fabel ist, die Sittlichkeit des Bauern sei je eine größere als die des Städters gewesen. Die Bauernmädchen nimmt der Beichtiger in die Lehre; in der Stadt, wo man näher zusammensitzt, findet man sich leichter. Dabei spielen die Kupplerinnen eine große, oft die entscheidende Rolle; wir lernen sie durch Fortini genau kennen, von der alten Meisterin im Fach, die vierzig Jahre lang unter allen Stürmen und Anfeindungen in ihrem Beruf ausgehalten hat, bis zu der gelegentlichen Vermittlerin. Der Lohn für diese Dienste wechselt nach Rang und Stand des Liebhabers oder der Liebhaberin. Will das Glück der Kupplerin wohl, dann bekommt sie wohl einen Goldskudo, sonst einen Scheffel Mehl, einen Fiasco Öl, zehn Grossi; es kann ihr aber auch manchmal, wenn auch sehr selten, übel ergehen, so wie der, der von dem Mädchen zweimal die Schere ins Gesicht geschlagen wird. Konkurrenz für die Frauen und Töchter der Vornehmen und Bürger sind naturgemäß die Kurtisanen, deren wir auch alle Stufen von der, die man mit einem Goldskudo und auch darüber hinaus bezahlt, bis zu der mit einem halben Julier Entlohnten kennenlernen. Die billigsten wohnen in San Martino (anderthalb Bajocchi), bei Santa Maria delle Grazie, die besseren in Provenzano. Von einer kennt man die gute Antwort, die sie einer Konkurrentin gab. »Ach wir Armen«, sagt die Edeldame, »in der Kleidung ist kein Unterschied zwischen Edelfrau und Dirne«, worauf die Kurtisane entgegnete: »Wir entlehnen Euch bloß die Kleider, Ihr uns die Sitten.« Der Luxus- und Modeteufel, über den man so viel schrieb, ging bereits damals um in den Landen; die Toilettenkunst war außerordentlich entwickelt. Allen Mängeln der Natur ward durch die Kunst abgeholfen, sie glich alles wieder aus, machte aus klein groß, aus dick schlank, aus einem Ammenbusen eine Jungfernbrust, verbarg die Höcker, die Dürre, machte aus alt und häßlich dank ihrer unendlichen Hilfsmittel jung und schön.

Man kann ungefähr eine Vorstellung von Fortinis Frauenideal gewinnen und sieht in seinen Schilderungen immer von neuem, welche Freude es ihm machte, von Frauenschönheit zu berichten: vor allem die Haare, kraus und blond wie Goldfäden; die Brüste, weiß wie frischer Schnee und fest wie Marmor; die Augen leuchtend wie Morgensterne; das Fleisch in der Farbe orientalischer Perlen; das Gesicht schön geschnitten, weiß mit einem leicht gelblichen Ton. Einmal vergleicht er ein Mädchen mit einer frischen Lilie, ein anderes mit einer Maienrose im Morgendämmern, ein drittes mit einem Strauß von Rosen und Veilchen.

Von fünfzehn bis achtzehn Jahren ist die Blüte des Mädchens, Mitte der zwanzig die des Mannes. Der rechte Liebhaber muß aber zwischen dreißig und vierzig sein, dann ist er beständig und verschwiegen. Abgesehen von einigen Beffe, das heißt jenen Späßen, an denen selbst die feinsten Geister der Renaissance – ich erinnere nur an die Mediceer Lorenzo il Magnifico und Leo X. – eine uns heute unerklärliche Freude hatten, und den Motti, das sind die schlagfertigen Antworten, ist die Liebe das Grundthema der Novellen der Giornate und der Held, vielmehr die Heldin: die Frau, die den Mann betrügt. Selten ist das Umgekehrte der Fall; die Frau ist stets die Klügere, wenn man will, die Geriebenere, die Frechere; das gibt ihr auch das Recht zu leben, wie sie mag. Alt paßt nicht zu jung, häßlich nicht zu schön. Das Gleiche muß sich zum Gleichen finden. Diese ausgleichende Gerechtigkeit schafft Gott Amor. Er führt alles zum guten Ende, meist in Stille und Heimlichkeit, selten gewaltsam durch Dolch oder Gift.

Es gibt keine tragische Novelle von Fortini, manche sind tragikomisch wie die sechste, die meisten komisch, und das sind die besten. Es ist merkwürdig, wie viele einem auch nach längerer Zeit noch klar in Erinnerung bleiben. Er erzählt immer lebendig, gerade aufs Ziel steuernd, farbig, mit anschaulichsten Einzelzügen und feinen Vergleichen: Der junge Senese kommt sich unter den Florentiner Zollbeamten wie Christus unter den Pharisäern vor; wie die Juden einst Pilatus ihr »Kreuzige« zuriefen, so die wilden Viterbesen ihrem Gouverneur auf seine Frage, was sie wollen: »Gebt uns den Pisaner, wenn Ihr nicht sterben wollt!« Beladen wie eine Biene, die heimfliegt, läuft der verliebte Alte zu seiner Witwe, das Volk sammelt sich um den alten Roberto, der von seiner Hochzeitsnacht erzählt, wie um einen Bänkelsänger; der plumpe Neapolitaner sitzt zwischen den schwatzenden Kurtisanen wie ein Steinkauz zwischen Elstern.

Wie klar erzählt Fortini! Wie flüssig und farbig! Wäre es ihm noch gelungen, diese erste Niederschrift zu bessern und feilen, so hätten wir auch der Form nach eine der besten italienischen Novellensammlungen aus der Renaissance vor uns. Ein Mann hellen Auges, mit der Kraft, auch das Gesehene festzuhalten und zu gestalten, das er überall um und neben sich entwickelt oder sich entwickeln sieht, mit scharfem Sinn und Gefühl für die Komik alles Irdischen, ohne Vorurteil und Aberglauben, geht er durch Land und Leben, gewiß ein Lebenskünstler. Die Schwierigkeiten, die der Übersetzer zu bewältigen hatte, waren außerordentlich. Neben der Unausgeglichenheit einer nicht durchkorrigierten ersten Niederschrift Provinzialismen und sprachliche Ungereimtheiten die Menge, die seine Geduld oft auf eine harte Probe stellten. Der Mangel an Flüssigkeit in Fortinis Stil konnte in einer Verdeutschung, die einigermaßen auf Treue Anspruch machen wollte, nicht beseitigt werden – möge ihr daher die Nachsicht des Lesers Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Alfred Semerau

An die edle und züchtige Madonna Faustina Braccioni in Cellole

Es hat manche gegeben, hochedle Frau, die sich in der schweren Pein ihres Herzens bemüht haben, bald den zweiten, bald den vierten, bald auch den sechsten Gesang der Aenëis Virgils aus dem Lateinischen in die Vulgärsprache zu übertragen, um ihn der Dame ihres Herzens zu übersenden und ihr dadurch zu erkennen zu geben, wie schlimm und bitter die Liebesleidenschaft ihnen zusetze. Indem sie ihnen so auf gar feine Weise den Zustand ihres Herzens entdeckten, gelang es ihnen, die Glut ihrer Leiden zu löschen. Ich aber bin zu dem Entschluß gekommen, ohne auch nur im geringsten einen Dichter in Mitleidenschaft zu ziehen, Euch dieses schlechtgeschriebene Buch zu widmen und Euch auf seinen Seiten auf vielerlei Art meine Herzensnot zu zeigen – und so bitte ich Euch, seid nicht unwillig, daß ich diesen novellistischen Stil gewählt habe: Nur die Langeweile, die ich in der Einsamkeit, fern von der Stadt empfinde, hat meinen schwachen und geringen Geist daraufgeführt. Da ich Euch nun auf dem Lande weiß, scheint es mir angebracht, daß ich Euch dieses Buch sende, um Euch etwas vor der Langeweile zu bewahren. Aber noch ein anderer Grund hat mich veranlaßt, diese novellistischen Gegenstände zu wählen: Ich wollte Euch erkennen lassen, wie überragend Eure einzige Schönheit, wie keusch Euer hohes zu Gott emporgerichtetes Denken sei; denn wenn Ihr die nachstehenden Geschehnisse lest, so werdet Ihr sehen, wieviel schamlose Frauen sich auf tausenderlei Art ewigen Tadel verdienen. Und sicherlich müßte man auf solche Frauen immer mit dem Finger weisen, damit die andern sie als abschreckendes Beispiel hingestellt bekämen und ihre Schande bekannt machten. Wenn Ihr also beim Lesen auf ein tadelnswertes Weib stoßt, so wünsche ich, daß Ihr bedenken möget, wie würdig Ihr ewigen Lobes seid, da Euch ein ähnliches Laster fremd. Und ferner bitte ich Euch, geruht, dieses mein Werkchen in den anmutigen frischen Wäldchen von Cellole zu lesen, wenn Ihr Euch zur Zeit der drückenden Hitze in ihnen ergeht; Ihr werdet dann, ohne die sengende Sonnenglut zu spüren, leichter darüber fortkommen. Und wenn Ihr dieses schlechtgeschriebene Buch lest, so seht es bitte meinem schwachen und geringen Geiste nach, wenn er in der Schilderung der Begebnisse wie in den schlechtgefügten Versen geringe Beredsamkeit bewies: Schuld daran ist mein Mangel an Lektüre und mein unzulängliches Studium. Aber was ich begehre, ist nur, daß Eure hehre göttliche Schönheit und Euer heiliger und keuscher Sinn diese meine geringe Arbeit so liebreich entgegennehme, wie sie geschrieben wurde. Lebt zufrieden.

Pietro Fortini

An den Leser

Sehr gütiger Leser, ich bin sicher, du wirst mich, sobald du dir über den Gegenstand dieses unseres ersten Buches klar bist, sofort schwer einer allzugroßen Verwegenheit beschuldigen, zumal Boccaccio, einer der Sterne der toskanischen Zunge, und viele andere nach ihm mit bewunderungswürdigem Geist und kunstvollstem Stil die ergötzlichen und novellistischen Plaudereien veröffentlicht haben. Aber wenn du mir das zum Vorwurf machst, so sage ich dir zu meiner Verteidigung, daß der Hauptgrund, der diesen unsern schwachen und geringen Geist veranlaßt hat, dieses Thema (von allen andern abgesehen) zu behandeln, das tiefe Mitleid gewesen ist, das ich mit gewissen armen Dummbärten von Jünglingen empfunden habe, die wie eben erst geboren scheinen und sich über sich selbst noch nicht im reinen sind. Wenn sie sich auch nicht darauf verstehen, lange Reden zu halten und sinnreiche Gedichte abzufassen, ist ihr Herz doch nicht so hart und kalt, daß nicht ein Liebesfunke darin Eingang findet, und darum möchten sie sich auch oft gern bei Abendgesellschaften einfinden, bei denen man von Liebe plaudert. Und wenn sie sich dort befinden und die Reihe an sie kommt, eine Novelle oder etwas anderes, was für den Kreis paßt, zu erzählen, wie das in den Abendzirkeln üblich ist, so drücken sie sich entweder heimlich oder stehen da wie die Ölgötzen, rot bis über die Ohren und zeigen, daß es ihnen an Geist und Schlagfertigkeit mangelt. Und wenn du, gütigster Leser, einwenden solltest, daß es derartigen Leuten, die nur mit den Händen reden möchten, darum doch nicht an unendlich vielen andern Novellen fehle, die unvergleichlich viel besser sind als diese hier, so antworte ich dir, daß sich nicht jeder mit diesem hohen Stil vertraut macht und daß derjenige, der es nicht gewöhnt ist, im Kreise vieler zu sprechen, zunächst alltäglichere Dinge zum Erzählen braucht, damit er sich daran übe und bilde und allmählich gewöhne und sicherer werde und, indem er sich langsam an Höheres und Gefeilteres wagt, das Ziel seiner Wünsche erreiche. Mir ist, als sehe ich ganz deutlich eine Jungfrau, der die Taten mehr frommen und behagen als die vielen Worte (ihr Gesicht zeigt es mir), in deren Hände dieses unser Buch gelangt ist, im ersten Augenblick in Zorn geraten, wie dies bei den Frauen so zu sein pflegt, und gegen den Autor gewandt mit bitterböser Miene sagen: »Ei, dieser Tagedieb hatte offenbar nichts Gescheiteres zu tun! Die hatten uns gerade noch gefehlt, diese schlechten Novellen, die den Decamerone, den Novellino und die Siebenzig Novellen fortsetzen, die so durch und durch schwarz sind, daß man kein lichtes Fleckchen daran entdeckt!« Solchen Widerwillen sehe ich sie ganz aus sich selbst in Gegenwart der andern zur Schau tragen und das Buch entrüstet wegstoßen. Wenn sie aber dann allein im stillen Schlafkämmerlein ist, sehe ich sie, so scheint mir’s, das Buch heimlich wieder zur Hand nehmen, es von Anfang bis zu Ende lesen und großes Herzeleid empfinden, wenn sie auf der letzten Seite angelangt ist. (Ihr und allen, die ihr ähnlich, sage ich gleich hier, daß sie sicherlich nicht ehrlichen Herzens sprechen, wenn sie sich über diese Dinge erzürnt zeigen, während sie es doch gar nicht erwarten können, in den Liebesstreit einzutreten.) Freilich betrüben mich die bösen Versuchungen, die das Buch ihnen bringt, doch vertraue ich darauf, daß, wenn sie dagegen ankämpfen wollen, sie aus eigener Kraft das Gegenmittel dagegen zu finden wissen, wie jene, von denen wir erzählten, es ebenfalls konnten. Wenn aber eine nicht so zimperlich tut und es mit heiterer Stirn empfängt, so gewähre ihr Amor ein angemessenes Geschenk, fröhliches und reiches Glück in den Abenteuern der Liebe. Kurz, jedwede Frau, sofern sie ein fühlendes Herz in der Brust hat, beklage sich nicht eher, als bis sie das Ganze gelesen hat; denn ich bin sicher, daß sie viel öfter als einmal den Verfasser segnen, daß sie sich vornehmen wird (das ahne ich), künftig gegen ihren treuen Liebhaber nicht mehr so hart zu sein (falls sie es gewesen ist), und nicht so streng, wie sie sich vorgenommen. Auch soll, wen die Lust ankommt, meine Novellen in Gesellschaft vorzutragen, nicht davor zurückscheuen, da die Frauen, ebenso wie wir Männer, nichts anderes wünschen, als diese angenehmen Plaudereien, wenn sie sich auch anfänglich (wie ich schon gesagt habe) ein wenig widerstrebend zeigen und dich mit zum Lächeln verzogenen Mundwinkeln von der Seite anschauen.

Da es nun wohlbekannt ist, daß die Autoren allgemein die Gewohnheit haben, ihre Werke einem geliebten oder verehrten Gegenstand zu widmen, damit er ihre Verteidigung gegen die verleumderischen Zungen übernehme, so sollen unsere Novellen allen denen gewidmet sein, die sie freundlich entgegennehmen und gegen alle Übelwollenden verteidigen; was aber diejenigen betrifft, die sie mit ihrem Haß verfolgen, so soll die einzige Strafe, die wir ihnen wünschen, die sein, daß sie nicht zu reden vermögen und nicht schweigen können.

Möchtest du nun gern die Anzahl dieser Novellen wissen, lieber Leser, so werden dir hier nicht mehr hundertfünfundzwanzig oder -fünfzig versprochen; denn wir behalten uns die Freiheit vor, diese Zahl einzuhalten oder zu überschreiten, je nachdem uns der Stoff dazu täglich zufließt. Du kannst aber sicher sein, daß ein guter Teil von ihnen zwar unter der Flagge von freierfundenen Novellen segeln aber auf tatsächlichen Begebnissen beruhen wird, wenn auch die Namen verändert sind und alles verwischt ward, was irgend jemanden verletzen könnte. Wenn diese Sammlung nun aber auch nicht nach einer bestimmten Zahl genannt ist, so hat es uns gut geschienen, auf daß sie nicht jedes Namens und Titels bar an die Öffentlichkeit komme, sie die Novellen der Novizen zu benennen. Und sie sollen dir erzählt werden von einer reizenden Gesellschaft von fünf ebenso züchtigen wie mit Witz begabten Damen und zwei anmutigen, zum Liebesdienst wohlgeeigneten Jünglingen. Da aber auch der Klügste sich einmal irren und vergreifen kann, so schmeichle ich mir mit der Hoffnung, daß alle meine verständigen Leser es entschuldigen werden, wenn ihnen in diesen unsern Novellen, die vielmehr größtenteils in das Gewand von Novellen gekleidete wahre Geschichten sind, etwas aufstößt, was gegen unsere Absicht ihre Ohren beleidigt.

Um dir nun nicht länger die Namen der anmutigen Erzähler vorzuenthalten, so nenne ich dir, wie sich’s geziemt, zuerst die der Damen. Die erste von ihnen, deren preiswürdige Schönheit in ihrem Namen vorausgeahnt ward und die mit dem schimmernden Gold wetteiferte, hieß Aurelia; nach ihr kam Fulgida, so genannt, weil sie durch ihr leuchtendes göttliches Antlitz der ersteren in keiner Weise nachstand. Ihr folgte die schöne Adriana, die nicht allein aus ihrem weiten Meer (d. h. dem Adriatischen), sondern noch aus sieben anderen größeren, sicherer als Orpheus jedes Meerungetüm mit ihrem wundersüßen Gesang an sich gezogen und gefesselt hätte. Ihr zur Seite stand Emilia, die mit einem einzigen Liebesblick tausend steinharte Herzen eher verbrannt hätte als die lodernde Flamme das dünnste Werg. Endlich blühte inmitten der so reizenden Gesellschaft die anmutreiche Corinzia, genauso wie eine taufrische Rose eine kunstvolle Blumengirlande ziert. Von den beiden trefflichen Jünglingen ferner war der eine, Ipolito, nicht weniger durch sein vollendetes Benehmen wie durch seinen vollkommenen Wuchs ausgezeichnet, während der andere, Costanzio, den harten Gesetzen der Liebe gemäß, bisher schlecht belohnt war, vielleicht damit er gleichermaßen durch die Tat wie durch seinen Namen für jedermann ein klares Beispiel der Beharrlichkeit und wahren Festigkeit sei. Beide aber waren für den Dienst der Liebe wie geschaffen. Alle nun (o glücklicher Kreis!) waren sie in einem wohleingerichteten Garten vereint und plauderten, um die langweiligen Tage hinzubringen, von dem, was ihnen am meisten Freude machte. Adriana, die alle anderen an Witz überragte und sehr zum Scherzen aufgelegt war, begann folgendermaßen zu sprechen:

»Mir scheint, meine liebenswürdigen Gefährtinnen und Ihr, treffliche Jünglinge, wir täten, da wir uns an einem so passenden, zur Fernhaltung jedes ärgerlichen Gedankens geeigneten Ort befinden, am besten, diesen Tag mit der Erzählung angenehmer Novellen hinzubringen.« Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als die schöne Fulgida, die der reizenden Aurelia gegenübersaß, lächelnd erwiderte: »Wenn ihr meiner unmaßgeblichen Meinung Beachtung schenken wollt, so möchte ich vorschlagen, daß wir uns nicht allein diesen Tag, sondern die ganze Woche stehlen um dem Wunsch unserer Adriana entgegenzukommen und die langweiligen Sommertage leichter hinzubringen.«

Auf diese verheißungsvollen Reden verließ die hochherzige Corinzia alsbald den Kreis ohne ein Wort zu sprechen und näherte sich einem frischen Blumenrasen, der – lieblich anzusehen – in geringer Entfernung einen Damm einfaßte, beraubte ihn seines reichen Schmuckes und flocht daraus einen wohlabgestimmten kunstvollen Kranz, mit dem sie voller Anmut den einen der beiden wohlgelittenen Jünglinge, Costanzio, bekränzte. Und indem sie ihm denselben aufs Haupt setzte, fügte sie folgende artige Worte hinzu:

»Meiner Meinung nach sollte man das, was bis jetzt vorgeschlagen worden ist, ohne länger darüber zu debattieren, ins Werk setzen, und da ich mir von Eurer Freundlichkeit versprechen darf, daß Ihr es mir nachseht, wenn ich mir etwas herausnehme, so bin ich dafür, daß wir mit aller Einverständnis den heute als unsern Herrn ehren, der den Kranz trägt, den ich ihm hiermit aufsetze.«

Als Costanzio sich auf einmal kraft eines solchen oberherrlichen Willensaktes so hoch emporgehoben sah, und die Ehre ihm nicht erlaubte, diesen Rang von sich zu weisen, erhob er sich und ließ sich bescheiden vernehmen:

»Hochgemute Damen, es schmerzt mich sehr, daß ich einer so schweren Aufgabe nicht so vollkommen gerecht werden kann, wie es mein Wunsch wäre, da ich die toskanische Sprache wenig oder gar nicht beherrsche. Wenn ich es indes beklagen muß, daß ich sie nicht in der erforderlichen Reinheit spreche, so werde ich mich ihrer doch, so gut ich irgend kann, vor Euch bedienen, wobei mich die Liebe zu ihr mehr unterstützen wird als andere vielleicht eine tiefe Gelehrsamkeit. Ein für allemal aber will ich mich bei Euch entschuldigt haben, wenn Ihr von mir etwas hören oder sehen solltet, was die scharfe Grenze unseres schönen Toskanisch überschreitet. Um nun mein Amt alsbald zu beginnen, fordere ich Euch, Madonna Aurelia, auf, in unserer Mitte mit der Erzählung zu beginnen, die Euch am meisten zusagt und dadurch den andern den sichersten Weg zu weisen.«

Sobald Costanzio dies gesagt hatte, erhob sich Madonna Aurelia mit heiterer Miene und sprach voller Anmut:

»Nachdem Ihr wollt, daß ich die für meine Schultern allzuschwere Last des Beginnens auf mich nehme, muß ich Euch als unserem Herrn gehorchen. Freilich weiß ich nicht, wie ich so hohen Geistern gegenüber, wie den Eurigen, bestehen soll, da ich die erste bin und mit meinen schwachen Kräften unsere Gespräche eröffnen soll – bin ich doch leider allzuwenig in Eurer wohlabgewogenen und eleganten Redeweise erfahren. Doch, um nicht den Anschein zu erwecken, als sei ich eine Spielverderberin, werde ich mich bemühen, so gut ich irgend kann, eine lustige Begebenheit zu erzählen, die, wie Ihr hören werdet, vor nicht langer Zeit in Florenz vorfiel.«

Nachdem Madonna Aurelia also gesprochen hatte, lobten sie die andern, die ihr höchst aufmerksam zugehört, nicht wenig und suchten ihr ihre Bedenken auszureden. Einige Augenblicke darauf färbte sich ihr Antlitz mit einer leichten Röte, und sie begann in anmutiger Rede zu erzählen.

Hier beginnt der erste Tag der Novellen der Novizen unter der Herrschaft Costanzios.

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