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Die 120 Tage von Sodom

von Marquis de Sade aus dem 18. Jahrhundert

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Kapitel 1:

Vorwort des Übersetzers

Die vorliegende Übersetzung des Hauptwerkes des Marquis de Sade ist die erste und vollständige Übertragung des von Dr. Eugen Dühren aufgefundenen französischen Originals. Dieses wurde zuerst in Paris vom »Club des Bibliophiles« im Jahre 1904 als Privatdruck veröffentlicht. Das Manuskript, das den Titel führt: »Les 120 Journées de Sodome ou l’Ecole du Libertinage par le Marquis de Sade« galt bis zur sensationellen Auffindung durch Dr. Dühren als vernichtet, obwohl der gelehrte Pisanus Fraxi es in seinem »Index librorum prohibitorum« (London 1877) erwähnt. Die erste Erwähnung des Werkes geschah durch de Sades Zeitgenossen Réstif de la Bretonne in dem Buche »Théorie du Libertinage«.

De Sade verfaßte dieses Werk während seiner Gefangenschaft in der Bastille, er schrieb es – wie aus einer Notiz auf dem Manuskript selbst hervorgeht – in der Zeit vom 22. Oktober bis 27. November 1785, und zwar stets von sieben bis zehn Uhr abends. Das ungeheure Manuskript entstand also in sechsunddreißig Abenden! Der Marquis schrieb auf lose Blätter, die er dann der Länge nach sorgfältig aneinanderklebte und – da er in der Bastille an stetem Papiermangel litt – auch rückwärts beschrieb. Das Manuskript bildet also einen 12,1 Meter langen, beiderseits mit der fast mikroskopisch kleinen Schrift de Sades bedeckten aufgerollten Streifen. Als der Marquis im Jahre 1789 die Bastille verließ, verblieb diese Handschrift mit andern dort. Später gelangte sie in den Besitz der Familie Villeneuve-Trans, die sie drei Generationen hindurch verwahrte. Mit den »Hundertzwanzig Tagen von Sodom« wollte de Sade unzweifelhaft sein Hauptwerk schaffen, dies beweist schon die in jeder Hinsicht ins Große zielende Anlage des Werkes. Wäre es nicht ein Torso, wäre es dem erhaltenen, dieser Aufgabe beigegebenen Entwurf entsprechend ausgeführt worden, so würde es den Umfang aller anderen Sade-Schriften um ein Vielfaches übertreffen.

Aber auch als Torso – es sind von den hundertzwanzig (nach einer sehr ausführlichen »Einleitung«, welche die Geschichte der hundertzwanzigtägigen Orgien enthält) nur die ersten dreißig Tage eingehend beschrieben. Über die neunzig restlichen Tage berichtet nur ein schlagwörterartiger, sonst aber recht präziser und vollständiger »Plan« – auch als Torso erreicht dieses Werk den Umfang von »Juliette ou les delices du vice«, das bisher als de Sades Hauptwerk galt. In den »Hundertzwanzig Tagen von Sodom« wollte de Sade nicht nur ein vollständiges Kompendium seiner für jeden Psychologen äußerst interessanten Philosophie des Lasters geben, er wollte auch alle sexuellen Perversitäten, deren unheimlich vollständige Kenntnis dem Marquis de Sade wohl von niemandem bestritten werden kann, an sechshundert verschiedenen Beispielen veranschaulichen. Und da er hierbei nach einer bestimmten Einteilung vorgeht und in die Fülle der sexuellen Verirrungen ein psychologisches System bringt, darf de Sade auch den Ruhm des ersten Systematikers der Psychopathia sexualis für sich in Anspruch nehmen.

Der Übersetzer hat sich bemüht, dem Original sinn- und womöglich wortgetreu zu folgen. Einzelne Unklarheiten und Widersprüche sind zum Teil auf die beispiellose schnelle Produktion de Sades, zum Teil auf die Schwierigkeit der Entzifferung des an manchen Stellen unleserlich gewordenen Manuskriptes zurückzuführen. Ferner hat der Übersetzer nach einigem Schwanken sich im Interesse der Echtfarbigkeit seiner Wiedergabe dazu entschlossen, die derben Ausdrücke des französischen Originals durch die entsprechenden deutschen Vulgärausdrücke wiederzugeben. Da diese Ausgabe nicht für die breite Öffentlichkeit berechnet ist und durch die Fürsorge des Verlages nur in berufene Hände gelangen wird, hätte eine Milderung der Sprache, die dann mit dem Inhalt der Darstellung schlecht übereinstimmen würde, keinen Sinn.

Einleitung

Die ungeheuren Kriege, die Ludwig XIV. im Verlaufe seiner Regierung zu führen hatte, und welche die Gelder des Staates und die Hilfsmittel des Volkes erschöpften, boten dennoch einer enormen Anzahl von Blutsaugern die Gelegenheit, sich zu bereichern. Diese Blutegel waren immer in der Nähe des Unglücks, das sie noch vermehrten, anstatt es zu verringern, und zogen daraus den größtmöglichen Nutzen für sich selbst. Das Ende dieser im Übrigen so glorreichen Regierung ist vielleicht eine jener Epochen des französischen Reiches, in der die meisten jener gewissen geheimen Reichtümer gewonnen wurden, jener Reichtümer, die eine Schwelgerei und Ausschweifung gebaren, so geheim und verschwiegen wie sie selbst. Es war am Ende dieser Regierung, einige Zeit ehe der Regent durch das berühmte Tribunal die Männer des Gerichtshofes wie tolle Hunde losgelassen hatte, um jener Bande von Verrätern die Gurgel abzudrehen, als vier von ihnen die seltsamste Unternehmung der Wollust erdachten, die jemals bekannt geworden ist. Man täte unrecht, zu meinen, daß nur Diebe sich mit Gelderpressungen abgaben, dieses Gewerbe hatte an seiner Spitze sehr vornehme Herren.

Der Herzog von Blangis und sein Bruder, der Bischof von …, die sich beide auf diese Weise unermeßliche Vermögen erworben hatten, sind unantastbare Beweise dafür, daß der Adel ebenso wenig wie die andern die Mittel verschmähte, um sich auf solche Art zu bereichern. Diese beiden vornehmen Persönlichkeiten, eng verbündet sowohl in den Vergnügungen als in den Geschäften mit dem berühmten Durcet und mit dem Präsidenten von Curval, waren die ersten, welche die Ausschweifung erdachten, deren Geschichte wir erzählen, und nachdem sie die Idee diesen zwei Freunden mitgeteilt hatten, bildeten alle vier die Akteure der berühmten Orgien.

Vor mehr als sechs Jahren hatten diese vier Wüstlinge, die durch die Gleichheit ihrer Vermögenslage und ihres Geschmackes vereinigt waren, es unternommen, die Bande unter sich noch durch Bündnisse zu festigen, bei denen die Ausschweifung mehr beteiligt war als jedes andere Motiv, aus dem sonst solche Bündnisse hervorgehen – folgendes waren ihre Arrangements.

Der Herzog von Blangis, Witwer von drei Frauen, von deren einer zwei Töchter geblieben waren, hatte bemerkt, daß der Präsident von Curval einige Lust zeigte, die ältere dieser Töchter zu heiraten, trotzdem er um die Familiaritäten wußte, die der Vater sich mit seiner Tochter erlaubt hatte. Der Herzog schlug also eines Tages plötzlich folgenden Dreibund vor:

»Sie wollen Julie zur Gattin«, sagte er zu Curval, »ich gebe sie Ihnen ohne Zögern und stelle nur die eine Bedingung, daß sie nicht eifersüchtig werden, wenn sie, obwohl Ihre Gattin fortfährt, mir dieselben Gefälligkeiten zu erweisen, die ich immer von ihr gehabt habe; und dann noch, daß Sie sich mit mir verbünden, um unsern gemeinsamen Freund Durcet zu bestimmen, mir seine Tochter Konstanze zur Frau zu geben, für welche, ich gestehe es Ihnen, allmählich dieselben Empfindungen in mir entstanden sind, wie bei Ihnen für Julie.« –

»Aber«, erwiderte Curval, »es ist Ihnen zweifellos nicht unbekannt, daß Durcet, der gleiche Wüstling wie Sie …« – »Ich weiß alles, was man wissen kann«, unterbrach der Herzog, »sind denn solche Dinge bei unserem Alter und bei unserer Art, zu denken, ein Hindernis? Glauben Sie, ich will eine Frau, um aus ihr meine Geliebte zu machen? Ich will sie, damit sie meinen Launen diene, und um eine Unmenge kleiner Ausschweifungen zu verschleiern und zu verdecken, der Mantel Hymens hüllt diese prächtig ein; mit einem Wort ich will Ihre Tochter so, wie Sie die meine wollen. Meinen Sie, Ihre Absichten und Wünsche seien mir unbekannt? Wir Wüstlinge, wir nehmen Frauen, um Sklavinnen zu haben, ihre Eigenschaft als Gattinnen macht sie uns unterwürfiger als Geliebte, und Sie wissen, welchen Rang der Despotismus unter den Vergnügungen einnimmt, die wir bevorzugen.«

Während dieses Gespräches trat Durcet ein. Die beiden Freunde unterrichten ihn über den Inhalt ihrer Konversation und Durcet, entzückt über einen Beginn, der ihm selbst erlaubte, die Gefühle zu gestehen, die er gleicherweise für Adelaide, die Tochter des Präsidenten hegte, akzeptierte den Herzog als Schwiegersohn unter der Bedingung, daß er seinerseits der Schwiegersohn von Curvals werde.

Die drei Ehen wurden alsbald geschlossen, die Mitgiften waren ungeheuer und die Bedingungen die gleichen. Der Präsident, ebenso schuldig wie seine beiden Freunde, hatte Durcet, ohne ihn dadurch abzustoßen, den geheimen Verkehr mit der eigenen Tochter gestanden. Auf solche Weise kamen die drei Väter, von denen jeder seine Rechte konservieren wollte, überein, diese Rechte sogar noch weiter auszudehnen, so daß die drei jungen Frauen, durch Gut und Namen allein an ihre Gatten gebunden, mit dem Körper dem einen der drei Freunde nicht mehr als den beiden andern gehörten und die schwersten Züchtigungen gewärtigten, wenn sie sich versahen, irgendeine der Regeln zu verletzen, denen man sie unterwarf.

Man war eben glücklich übereingekommen, als der Bischof, mit den beiden Freunden seines Bruders schon durch seine Lüste verbunden, vorschlug, der Vereinigung ein viertes Objekt zuzuführen, wenn man ihn dafür an den drei anderen Frauen teilnehmen ließe. Dieses Objekt, die zweite Tochter des Herzogs, also die Nichte des Bischofs, stand zu diesem in einem viel näheren Verhältnis als man ahnte. Der Bischof hatte zu seiner Schwägerin Beziehungen gehabt und beide Brüder wußten mit vollster Sicherheit, daß die Existenz dieser jungen Person, die Aline hieß, viel mehr dem Bischof als dem Herzog zu verdanken war; der Bischof hatte sich Alinens schon in der Wiege angenommen und hatte sie ins Alter der frischen Reize hineinwachsen sehen, nicht ohne den Wunsch, wie man sich denken kann, diese Reize zu genießen. Er war also in diesem Punkte der Gleiche wie seine Genossen, und sein Vorschlag entsprang dem gleichen Grad von Geiz und Verworfenheit. Da aber die Anmut und zarte Jugend Alinens sie noch über ihre Kolleginnen emporhob, zögerte man nicht, auf den Handel einzugehen. Der Bischof überließ sie mit Vorbehalt seiner Rechte den andern, und jede unserer vier Hauptpersonen war auf diese Weise der Gemahl von vier hübschen Frauen.

Es folgte also aus diesem Arrangement, das wir nun zur Bequemlichkeit des Lesers wiederholen, daß der Herzog, der Vater von Julie, der Gatte Konstanzens, der Tochter von Durcet, wurde; daß Durcet, der Vater Konstanzens, der Gatte von Julie, der älteren Tochter des Herzoges, wurde; daß endlich der Bischof, Onkel und Vater Alinens, der Gatte der drei andern Frauen wurde, indem er diese Aline seinen Freunden überließ, mit dem Vorbehalt, daß ihm auch fernerhin seine Rechte auf sie zustehen.

Man feierte die fröhlichen Hochzeiten auf einem prächtigen im Bourbonischen gelegenen Landsitz des Herzogs, und ich überlasse es dem Leser, sich die Orgien auszumalen, die sich hierbei abspielten, denn die Notwendigkeit, andere auszumalen, verbietet uns das Vergnügen, welches uns die Schilderung dieser bereiten würden. Nach ihrer Rückkehr wurde die Verbindung unserer vier Freunde nur noch inniger, und da es wichtig ist, diese recht gut kennen zu lernen, so diene dazu eines kleines Detail, welches wie ich glaube, einiges Licht über den Charakter dieser ausschweifenden Menschen verbreiten wird, bis wir dazukommen, jeden von ihnen einzeln vorzunehmen, um sie noch näher zu betrachten. –

Die Gesellschaft hatte eine gemeinsame Kasse gegründet, die im Turnus von jedem der vier sechs Monate hindurch verwaltet wurde, und die Fonds dieser Kasse, die ausschließlich den Vergnügungen dienen sollte, waren immense. Ihr ungeheures Vermögen gestattete ihnen Dinge ganz einziger Art, in dieser Hinsicht, und der Leser braucht durchaus nicht zu erstaunen, wenn er erfährt, daß zwei Millionen jährlich nur für Zwecke des Vergnügens und der Ausschweifung ausgesetzt wurden.

Vier berühmte Kupplerinnen für die Herbeischaffung von Frauen und eine gleiche Anzahl von Kupplern für die Herbeischaffung von Männern hatten nichts anderes zu tun, als für sie sowohl in der Hauptstadt, wie auch in den Provinzen alles das zu suchen, was ihnen in dem einen oder andern Genre zur Stellung ihrer Gelüste am besten dienen konnte. Man veranstaltete für gewöhnlich vier Soupers in der Woche, jedes Mal in einem andern von vier an den vier entferntesten Enden von Paris gelegenen Landhäusern. Das erste dieser Soupers war allein den Freuden der Sodomie geweiht, man führte dazu nur Männer herbei; man sah dabei gewöhnlich sechzehn junge Leute von zwanzig bis dreißig Jahren, deren ungewöhnliche Fähigkeiten unseren vier Herren erlaubten, in der Funktion als Frauen die sinnlichsten Genüsse auszukosten. Man wählte die Männer bloß nach dem Maß ihrer Glieder und es war fast nötig geworden, daß solch ein stolzes Glied von einer Mächtigkeit war, daß es niemals hätte irgendeine Frau durchdringen können. Das war eine wesentliche Bedingung, und da mit den Ausgaben nicht gespart wurde, kam es nur selten vor, daß diese Bedingung nicht erfüllt wurde. Um aber zugleich alle Freuden zu kosten, gesellte man diesen sechzehn Gatten die gleiche Anzahl viel jüngerer Knaben zu, welche die Pflichten von Gattinnen erfüllen mußten. Diese wurden im Alter von zwölf bis zu achtzehn Jahren ausgewählt. Um angenommen zu werden, mußten sie von einer Frische sein, ein Gesicht, eine Anmut einen Wuchs haben, daß sie alles hinter sich ließen, was unsere Pinsel malen könnten, keine Frau durfte bei diesen männlichen Orgien empfangen werden, bei denen alles geschah, was Sodom und Gomorrha niemals lüsterner erfanden.

Das zweite Souper war den jungen Mädchen von feiner Erziehung geweiht, die hierbei gezwungen wurden, ihr stolzes Prunken und die gewohnte Hochnäsigkeit ihres Gehabens aufzugeben, und sich in Hinblick auf die empfangenen Geldsummen den ungewöhnlichsten Kaprizen, sogar den Beleidigungen auszusetzen, welche unsere Wüstlinge auszuüben beliebten. Es waren dabei nach Beschluß zwölf solcher Mädchen vorhanden, da aber Paris nicht deren genug liefern konnte, um sie so oft zu wechseln, als notwendig gewesen wäre, ersetzte man diese Abende manchmal durch andere, zu denen man lediglich die gleiche Anzahl von anständigen Frauen zuzog, von den Gattinnen von Prokuratoren angefangen bis zu solchen von subalternen Beamten. Es gibt vier- oder fünftausend solcher Frauen in Paris, die durch Not oder Luxusbedürfnis angetrieben werden, auf Abenteuer dieser Art einzugehen, man braucht daher nur gut bedient zu sein, um solche zu finden. Und da unsere Libertiner als vorzüglichste bedient waren, fanden sie in dieser Klasse von Frauen oft wahre Wunder; aber das mochte eine noch so honette Frau sein. Sie mußte sich allem unterwerfen, und die Lüsternheit die niemals Grenzen kennt, erhitzte sich vorzüglich daran, diejenigen, die durch Natur und soziale Konvention solchen Dingen entzogen zu sein schienen, zur Begehung von Scheußlichkeiten und Infamien zu zwingen.

Man kam hin und mußte alles tun. Und da unsere vier Verbrecher alle schmutzigsten Begierden hatten und die ärgsten Wollüstlinge waren, war die gründliche Befriedigung ihrer Wünsche keine kleine Aufgabe.

Das dritte Souper war für die häßlichsten und schmutzigsten Kreaturen bestimmt, die man auftreiben konnte; dem, der die Verirrung der Wollust kennt, wird dieses Raffinement ganz einfach erscheinen, es ist sehr wollüstig, sich mit Kreaturen dieser Art sozusagen im Schmutz zu wälzen. Man findet da die vollständigste Hingabe, die ungeheuerlichsten Schwelgereien, die absoluteste Erniedrigung. Und diese Vergnügungen, verglichen mit denen, die man am Vorabend genossen, diese Kreaturen, verglichen mit denen, die uns am Vorabend genießen ließen, dieser Kontrast ist eine mächtige Würze sowohl für den einen, wie für den andern Exzess. Hier, wo die Ausschweifungen ausgedehnter waren, wurde nichts vergessen, um sie zahlreich und pikant zu gestalten. Es erschienen dabei hundert Huren im Verlauf von sechs Stunden und nur allzu häufig ging keine von den hundert unverletzt daraus hervor. Doch überstürzen wir nichts, dieses Raffinement hat Details, bei denen wir noch nicht angelangt sind.

Das vierte Souper war den Jungfrauen reserviert. Man empfing nur solche bis zu fünfzehn Jahren, von sieben angefangen. Die Bedingungen waren bei allen gleich, es handelte sich nur um ihr Gesicht, das man hübsch wünschte, und um die Sicherheit ihrer Erstlingsschaft, die authentisch sein mußte, ein unglaubliches Raffinement der Verderbtheit. Nicht etwa, daß sie selbst mit Sicherheit alle diese Rosen hätten pflücken wollen, und wie hätten sie es auch können, da dieselben immer in der Anzahl von zwanzig dargeboten wurden und von unsern vier Lüstlingen nur zwei imstande waren, diesen Akt zu vollbringen.

Der eine der zwei andern brachte es überhaupt zu keiner Erektion mehr und dem Bischof kam es nur mehr auf eine Weise, die, ich gebe es zu, eine Jungfrau wohl entehren kann, die sie aber trotzdem immer unverletzt läßt. Doch ungeachtet dessen mußten zwanzig Erstlinge da sein, und diejenigen, die von ihnen nicht beschädigt wurden, wurden vor ihnen die Beute gewisser Diener, die ebenso verderbt waren wie sie selbst und die sie aus mehr als einem Grunde immer um sich hatten.

Unabhängig von diesen vier Soupers fand noch jeden Freitag eine geheime Zusammenkunft statt, mit viel weniger Objekten, trotzdem vielleicht unendlich teurer. Man führte dazu nur vier junge Damen, die von ihren Eltern weg entführt sein mußten, durch List oder mit Hilfe von Geld. Die Frauen unserer Wüstlinge nahmen fast immer an dieser Ausschweifung teil, und ihre extreme Unterwürfigkeit, ihre Besorgtheit, ihr Dienst machten sie immer pikanter. Was die Kostspieligkeit dieser Soupers betrifft, ist es unnötig zu sagen, daß hier die Verschwendung sowie die Feinheit regierte. Nicht eine einzige dieser Mahlzeiten kostete weniger als zehntausend Francs, und man vereinigte dabei alles, was Frankreich und das Ausland an Seltenstem und Vorzüglichstem darbieten konnten.

Da gab es Weine und Liköre von gleicher Feinheit und in gleichem Überfluß, die Früchte aller Jahreszeiten waren auch während des Winters zu finden, man kann mit einem Wort versichern, daß die Tafel des ersten Monarchen der Erde sicherlich nicht mit soviel Luxus und Großartigkeit serviert war.

Kehren wir nun zu unserm Ausgangspunkt zurück und zeichnen wir dem Leser nach bestem Vermögen jede der vier Persönlichkeiten einzeln, nicht verschönernd, nicht in der Manier, zu verführen oder zu gefallen, sondern mit dem Pinsel der Natur selbst, die trotz all ihrer Unordnung oft sehr sublim ist, sogar dann, wenn sie sich selbst am meisten erniedrigt. Denn wagen wir es beiläufig zu sagen: wenn das Verbrechen nicht die Art von Feinheit hat, die man in der Tugend findet, ist es nicht immer erhabener? Hat es nicht stets einen Charakter von Größe und Überlegenheit, der emporhebt und immer emporheben wird über die langweiligen und weibischen Reize der Tugend? Werdet ihr jetzt von der Nützlichkeit des einen oder der anderen reden? Ist es an uns, die Gesetze der Natur zu untersuchen, an uns, zu entscheiden, ob das Laster ihr ebenso nötig ist wie die Tugend? Sie flößt uns vielleicht, ihren respektiven Bedürfnissen entsprechend, nicht in gleichem Maße den Hang zum einen oder andern ein. Doch fahren wir fort.

Der Herzog von Blangis, mit achtzehn Jahren Herr über ein damals schon unermeßliches Vermögen, das er seither durch Erpressungen stark vergrößert hat, machte alle Unzukömmlichkeiten mit, die in Menge einem reichen Mann von Kredit begegnen, der sich in solchen Fällen nie etwa zu versagen braucht; das Maß der Kräfte wird das Maß der Laster, und man versagt sich umso weniger, je leichter es einem ist, sich alles zu gestatten. Hätte der Herzog von der Natur einige primitive Tugenden empfangen, sie hätten vielleicht das Gleichgewicht seiner Stellung gefährdet, aber diese bizarre Mutter, die sich manchmal mit dem Glück zu verständigen scheint, damit es die Laster unterstütze, die sie gewissen Wesen gegeben hat, für welche sie eine ganz andere Fürsorge erwartet als die, welche die Tugend voraussetzt, und dies deshalb, weil sie die Lasterhaften so nötig hat wie die Tugendhaften, die Natur – sage ich – hatte Blangis, indem sie unendliche Reichtümer für ihn bestimmte, auch genau mit allen Gefühlen und Neigungen beteilt, die notwendig sind, jene zu mißbrauchen; mit einem sehr düstern und boshaften Geist hatte sie ihm die verbrecherischste und härteste Seele gegeben, begleitet von einer Unbeständigkeit der Neigungen und Wünsche, aus der jene schreckliche Ausschweifung erwuchs, zu welcher der Herzog so besonders hinneigte.

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