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Das Leben der galanten Damen

von Pierre de Brantôme aus dem 16. Jahrhundert

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Kapitel 1:

Einleitung

Die Mandragola des Machiavelli, ein Spiegel italienischer Sitten zur Zeit der Renaissance, ist bekannt. Das Motiv hat später Lafontaine zu einer seiner lustigsten Geschichten verwendet. Im vierten Abschnitt läßt er Liguro einen falschen Offizier, einen Kammerdiener und einen falschen Arzt zu einer komischen Liebesexpedition in Schlachtordnung aufstellen, und dazu sagt Liguro:

»A la corne droite, on placera Callimaque; je me placerai au bout de la corne gauche, le docteur entre les deux cornes; il s’appellera saint Coucou.«

Un interlocuteur: »– Quel est ce Saint là?«

»Le plusgrand saint de France.«

Der »Interlocuteur« und die Antwort, die er bekommt, sind köstlich. Den Witz hätte schon Brantôme machen können, vielleicht schrieb er ihn nur nicht auf; denn allzusehr durfte er sich seinem beliebten Spiel mit dem Wort »cocu« doch nicht hingeben.

»Der Hahnrei der größte Heilige von Frankreich.« Das hätte als Motto über den »Galanten Damen« stehen können. Philarète Chasles, »le vieux Gaulois«, hätte es zwar bestritten, er behauptete immer, Gallien wäre rein und keusch, und wenn Frankreich lasterhaft wurde, dann sei es bloß von benachbarten Völkern angesteckt worden, aber der gute Akademiker war auch nur vortrefflich über die Einflüsse von Italien herüber unterrichtet; von der Existenz des Hahnrei selbst in der Kultur des sechzehnten Jahrhunderts hatte er keine Ahnung. Er schwört sogar Stein und Bein (in seiner Vorrede zur Edition von 1834), das sei alles gar nicht so ernst gewesen, die Hofleute hätten nur ein kleines Gelüste gehabt, auf eine elegante Weise unmoralisch zu sein. Er nennt Brantôme sogar »un fanfaron de licence«, einen Renommisten der Ausschweifung, ja er wäre unglücklich, wenn er nicht die beruhigende Versicherung abgeben könnte: »Quand il se plonge dans les impuretés, c’est, croyez-moi, pure fanfaronnade de vice.« Reine Prahlerei mit der Lasterhaftigkeit. Wer lacht nicht über den guten Akademiker, dem die Geschichte seiner Könige so unbekannt geblieben ist? Das Croyez-moi klingt ausgezeichnet. Aber das Trefflichste kommt noch: Das Buch der galanten Damen sei durchaus nicht nur als »frivole Sammlung skandalöser Anekdoten« zu betrachten, sondern als »curieux monument historique«. Wenn Chasles das Wort »kulturhistorisch« gekannt hätte, mit dem heute so viele moralisch unbequeme Bücher kaschiert werden …

Der Mann mit den Palmen auf dem Frack hatte die Empfindung, einen Autor, dessen Werk er herausgebe, dürfe er in der Vorrede nicht beschimpfen; man setzt sich doch auch nicht hin und schreibt über eine verruchte Seele eine dicke Biographie; ganz behaglich muß ihm nicht dabei gewesen sein. Daß er aber Brantôme gar beschönigen wollte, das war nicht hübsch von ihm. Eduard Engel war offener, er nannte ihn den »scheußlichen« Brantôme und sprach von »unerreichter Gemeinheit« und wieder von einem »Hexenkessel unsagbarer Scheußlichkeiten«. Lotheißen, in dem man sonst den gerechtesten Kenner und Wäger der französischen Kultur verehren muß, tut seine Bücher als »gemeine und freche Klatschereien« ab.

Brantôme wird wohl für immer eine schwankende Erscheinung in der Kulturgeschichte bleiben, am Urteil der Oberflächlichen über diesen Schriftsteller wird nun einmal nicht mehr gerüttelt werden können. So einfach wollen wir aber hier mit Brantôme nicht fertig werden. Jeder Moraltrompeter hat es schrecklich leicht, über ihn den Stab zu brechen. Es muß jedoch eine tiefere Beurteilung Platz greifen. Nun böte sich ja, um über die Schwierigkeit hinwegzukommen, ein (schon erwähntes) verführerisches Mittel an: man legt dem guten lächelnden Brantôme das so beliebte kulturhistorische Mäntelchen um und führt ihn so auf den Markt. Es wäre ja nicht falsch, aber – was hat das arme Wort »kulturhistorisch« nicht schon alles mit seiner neutralen Flagge decken müssen? Nein, für diese Etikettierung ist Brantôme zu schade, er braucht sie auch nicht, er ist schon ganz von selber kulturhistorisch, ohne daß man es ihm auf die Nase schreibt. Nun wäre zu fragen: von welcher Seite soll ich dann aber überhaupt Brantôme begreifen? Man könnte sagen: von der Zeit her, aber das ist, so allgemein gesagt, eine Gassenweisheit. Es stimmt auch nicht ganz; denn Brantôme muß mit seiner Persönlichkeit – und man wird diese verwegene, bravouröse, anarchistische Persönlichkeit, die ihrem König den Kammerherrnschlüssel fast ins Gesicht wirft, kennen lernen, – von seinem Werk ebensoweit abgerückt werden, als er ihm nach der Meinung der Gebildeten nahe steht. Hier hat man wieder einmal den eklatanten Fall, daß der Verfasser mit seinem Buch durchaus nicht identifiziert werden darf. Diese Ereignisse hätten ebensogut durch einen andern Kopf gehen können, sie wären doch dieselben geblieben; denn Brantôme war nicht ihr Urheber, er hat sie nicht erfunden, er war nur der naive Chronist. Da tritt nun der Fall ein: Dem Schriftsteller werden Dinge in die Schuhe geschoben, an denen er selbst ganz unschuldig ist (wie sehr läßt die Gesellschaft einen Autor für seine Konfession in Buchform büßen), es wird ihm schon zum Verbrechen angerechnet, wenn er ihr Berichterstatter geworden ist, ja es ist sein Verbrechen. Die Verantwortlichkeit, die Brantôme für seine Schriften zu tragen hat, ist eine sehr einzuschränkende, und wenn die gebildeten Pfarrersköchinnen es rundweg ablehnen, sich mit dem Rest zu versöhnen, braucht man ihnen nur entgegenzuhalten, daß dieser Rest durch das eigenste, persönlichste Leben Brantômes völlig aufgehoben wird.

Brantôme rechnete sich zu seinen Lebzeiten zweifellos zu den Historikern. Das war ein verzeihlicher Irrtum. Die Meinungen über den geschichtlichen Wert seiner Berichte gehen sehr auseinander, im allgemeinen neigt man zur Ansicht, Brantôme verbürgte keinerlei Exaktheit und gehörte eher zu den Chroniqueurs und Memoirenschreibern. Ja, für jeden Satz hat Brantôme die historische Richtigkeit freilich nicht aufzuweisen, wer vermöchte auch dieses Kaleidoskop von Einzelfällen exakt hinzustellen? Aber die Bedeutsamkeit, den symbolischen Wert, die hat Brantôme!

Um diesen scharfen Schnitt zwischen dem Livre des Dames galantes und seinem bisherigen vermeintlichen Urheber zu begründen, muß man mir schon erlauben, daß ich das Frankreich des sechzehnten Jahrhunderts schildere. Verschiedene Essayisten sagten, die Zeit sei ganz zahm und sittenrein gewesen, Brantôme habe das alles erdichtet und aufgebauscht, und wenn sie dann Beispiele anführten, kam es doch heraus, daß ihre Meinung wie die Schlange war, die sich in den Schwanz biß. Ihre Beispiele belegten gerade das Gegenteil ihrer Ansichten. Brantôme ist ohne die Welt der letzten Valois gar nicht denkbar. Diese verrotteten Könige lieferten ihm den Stoff zu seinem Buch. Die wenigsten Heldentaten mögen auf seine eigene Rechnung kommen, und diese noch erzählt er unpersönlich, die meisten erfuhr er, erlebte er mit, oder sie wurden ihm erzählt. Zum großen Teil von den Königen selbst. In welcher Beziehung man auch immer von der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts in der Geschichte lesen mag, es wird immer von den liederlichen, wollüstigen und unsittlichen Valois gesprochen. Die Könige korrumpierten diese Epoche so sehr, daß Brantôme ein Heliogabal hätte sein müssen, wenn sein Kulturbeitrag spürbar sein sollte.

Am Anfang dieser Entwicklung stehen die Einflüsse der italienischen Renaissance. Durch die Kriegszüge Karls VIII. kam Frankreich mit ihr am kräftigsten in Berührung. Diese Könige führten lange Kämpfe um den Besitz von Mailand, Genua, Siena, Neapel. Ein Traum des Südens führte die Franzosen über die Alpen, und jeder Feldzug hatte eine neue Überströmung mit italienischer Kultur zur Folge. Wenn Frankreich am Anfang des sechzehnten Jahrhunderts noch nicht der Hauptsitz der Lebenskunst und der feinen Sitte war, so näherte es sich doch schon unter Franz I. mit Riesenschritten diesem Zustand; denn nun kam noch eine Invasion spanischer Kultur hinzu, Madrid wurde nach Rom die zweite Lehrmeisterin von Paris. Franz I., dieser ritterliche König, 1) entfaltete ein blühendes Hofleben, zog italienische Künstler nach Blois, Lionardo, Cellini und andere, und suchte die Grandezza spanischer Formen an seinem Hof heimisch zu machen. Eine Zeitlang schien Frankreich noch eine Kopie Italiens, aber eine schlechte Kopie, mit dem Überwiegen des spanischen Einflusses näherte sich das Zeremoniell der Gesellschaft seiner Vollendung.

Franz I. brachte also die ritterliche Galanterie in Frankreich zur Blüte, im Edelmann sah er den ersten Vertreter des Volks, und Frauendienst und Frauenhuld gingen ihm über alles. Der Hof gefiel sich in einem göttlich-frivolen Treiben, schon jetzt wurde die Mätressenwirtschaft zu einer fast offiziellen Institution. »Ich habe von des Königs Wunsch sagen hören,« erzählt Brantôme, »daß die Edelleute seines Hofs nicht ohne eine Dame ihres Herzens seien, und wenn sie diesem Wunsch nicht entsprachen, hielt er sie für abgeschmackt und einfältig. Die andern aber fragte er häufig nach dem Namen ihrer Geliebten, versprach ihnen zu helfen und für sie zu sprechen, so gütig und vertraulich war er.« Auch das andre Wort: »Ein Hof ohne Frauen sei wie ein Jahr ohne Frühling, wie ein Frühling ohne Rosen,« stammt von Franz I. Dieses Hof leben hatte freilich schon eine drückende Finanznot, Korruption der Staatsverwaltung und Ämterverkauf zur Kehrseite, die italienischen Architekten, die in Frankreich die Prachtbauten von Saint Germain, Chantilly, Chambord, Chenonceaux aufführten, waren eben auch sehr kostspielig. Auch die literarischen Interessen wurden sehr gepflegt, das feinere Französisch entwickelte sich zu dieser Zeit. In Blois wurde eine Bücherei, eine Chambre de librarye eingerichtet. Alle Valois waren überhaupt bedeutende Talente im Abfassen von poetischen Episteln, Liedern, Novellen, nicht bloß die königliche Schwester Franz’ I., Margarete von Navarra, die nach dem Beispiel ihres Bruders die schönen Wissenschaften beschützte und pflegte. Wir hören allerdings auch schon von der »erschreckenden Sittenlosigkeit« in Pau, wenn es auch nicht so arg gewesen sein mag. Aber mit dem Hoftreiben in Pau erscheint sogleich Brantôme verflochten; seine Großmutter, Louise von Daillon, Seneschallin von Poitiers, war eine der vertrautesten Hofdamen der Königin von Navarra; seine Mutter, Anna von Bourdeille, wird sogar in verschiedenen Novellen des Heptameron redend mit eingeführt. Ennasuite heißt sie, und sein Vater, Franz von Bourdeille, tritt als Simontaut auf. Im Louvre wurde das Leben immer freier. Franz I., dieser königliche Don Juan, soll sogar ein Rivale seines Sohnes geworden sein, ohne daß wir wissen, ob wir dies auf Katharina von Medici oder auf Diana von Poitiers beziehen sollen. Nach einer andern Version rivalisierte aber vielmehr Heinrich II. bei Diana von Poitiers mit seinem Vater. Aber es bedurfte gar nicht der Rache jenes betrogenen Edelmanns, die Franz I. das Leben kostete. Man sagt, der König sei mit Willen angesteckt worden, man konnte ihn nicht heilen, und er starb an dem Übel. Jedenfalls war bei seinem Ende sein Körper von venerischen Geschwüren vollständig vergiftet. Die körperliche Entartung war eine furchtbare Erbschaft, die er seinem Sohn, Heinrich II., 2) hinterließ.

Dieser hatte inzwischen Katharina von Medici geheiratet. Mit ihr zogen italienische Verderbtheiten noch stärker über die Alpen. Sie brachte eine Unmenge von Astrologen, Tänzern, Sängern, Gauklern, Musikern mit, die gleich Heuschrecken auf Frankreich lasteten. Auf den Kulturprozeß wirkte sie damit sehr beschleunigend ein, sie durchtränkte den Hof Heinrichs II., sowie den seiner drei Söhne mit italienisch-spanischem Geiste. (Man sieht schon an den zahlreichen Zitaten Brantômes, wie innig und häufig bereits damals die Beziehungen zwischen Frankreich und Spanien waren, dem klassischen Land der feinen höfischen Liebe und der Galanterie.) Mächtiger als ihre Sinnenlust war allerdings stets ihre Herrschsucht; von imponierendem Äußern, war sie nicht schön, eher allzu stark, der Jagd leidenschaftlich ergeben, aber männlich auch in der Menge des Essens, das sie zu sich nahm.

Sie konnte vorzüglich reden und wendete ihre literarischen Fertigkeiten in ihrem diplomatischen Briefwechsel an, man veranschlagt ihre Korrespondenz auf 6000 Briefe. Die tiefe Demütigung, mit Madame von Valentinois, Diana von Poitiers, der Geliebten Heinrichs II., die Tafel und das Bett ihres königlichen Gemahls teilen zu müssen, blieb ihr allerdings nicht erspart. In dieser schwierigen Lage, einem unwissenden und beschränkten Gatten gegenüber, der noch dazu von seinen Günstlingen völlig beherrscht wurde, bewahrte sie einen überaus klugen Geist. Katharina von Medici war freilich eine verschlagene Frau, die später mitten in den Festen, die sie feierte, an der Verwirklichung tiefster und geheimster Absichten arbeitete.

Heinrich II. hinterließ vier Söhne und eine Tochter, die ihm Katharina von Medici nach einer zehnjährigen Unfruchtbarkeit geboren hatte. Mit ihnen erfüllte sich das tragische Geschick der letzten Valois. Einer nach dem andern steigt auf den Thron, um den kein Kindeslächeln, kein süßer Schrei sein holdes Leben breitet. Der letzte steht noch an den Stufen und verzehrt sich schon, und von der letzten Valois, jener Margarete, die mit ihrer bezaubernden Schönheit die Menschen betörte und als erste Gemahlin Heinrichs IV. die Welt mit dem Ruf ihres skandalösen Lebens erfüllte, rollte das valesische Blut ganz allein in den Bourbonen weiter, ein verdorbenes Blut, ein unheilvolles Erbe. Es liegt Tragik darin, daß das Buch der galanten Damen gerade Alençon, dem allerletzten Valois, dem allerjüngsten, gewidmet ist. Von den vier Söhnen war einer verkommener als der andere, sie lieferten den Stoff zu seinen Berichten. Das Buch der galanten Damen ist damit auch das Siegel auf das Ende eines Geschlechts. Mit Franz II. begann die Linie. Er bestieg den Thron als ein sechzehnjähriger Knabe; an geistiger Entwicklung war er gerade so schwächlich und zurückgeblieben wie an körperlicher. Nicht ein Jahr mehr war er dem Leben gewachsen, schon 1560 starb er »infolge eines Kopfgeschwürs«. Dann führte Katharina von Medici zehn Jahre die Regentschaft. 1571 war der nächste Sohn Karl so alt geworden, um sich auf den Thron setzen zu können, er bestieg ihn mit 22 Jahren, hoch aufgeschossen, aber mager, schwach auf den Beinen, von gebückter Haltung und kränklich-blasser Gesichtsfarbe. So wurde er von François Clouet, genannt Janet, gemalt, ein berühmtes Bild, das heute im Besitz des Herzogs von Aumale ist. Als junger Prinz genoß er die feinste Erziehung. Amyot und Henri Estienne waren seine Lehrer, mit denen er Plotin, Plato, Virgil, Cicero, Tacitus, Polybius und Machiavelli studierte. Die Plutarchübersetzung Amyots war das Entzücken des ganzen Hofes. »Man sah die Fürstinnen aus dem Hause Frankreich«, sagt Brantôme, »mit ihren Damen und Ehrenfräulein sich höchlichst an den schönen Aussprüchen der Griechen und Römer erbauen, die durch den süßen Plutarch dem Gedächtnis aufbewahrt waren.« So kam auch bei dieser höfischen Geselligkeit die Literatur zu ihrem Recht, aber nicht bloß der altklassischen Literatur huldigten sie, alle waren auch in der Kunst des Sonetts erfahren und verstanden zierliche Liebesliedchen zu reimen wie ein Ronsard; Karl IX. dichtete selbst und übersetzte horazische Oden ins Französische. Seine weichliche Natur, die zwischen erniedrigenden Ausschweifungen und Gewissensangst hin und her schwankte, vergnügte sich an graziösen und leichtfertigen Dichtungen. Auch Gutes zeitigte die Bewegung; nachdem schon 1539 die französische Sprache als Gerichtssprache, auch bei den Vorträgen, eingesetzt worden war, gab Karl IX. 1570 die Erlaubnis zur Stiftung einer Gesellschaft zur Ausbildung und Reinigung der Sprache. Aber auch hierin eiferte der ehrliche de Thou über »das verdorbene Zeitalter« und schrieb von der »Vergiftung der Frauen durch unsittliche Lieder«. Der gute Mann schrieb allerdings lateinisch. Nun begannen unruhige Zeiten, die hugenottischen Aufstände tobten durch Frankreich. Aber gerade die Unruhen und die Gefahr beförderten einen gewissen leichten Lebensmut, eine kecke Sorglosigkeit. Die Mordsucht schlich durch die Gassen, es ist das Jahr der Bartholomäusnacht. Der Herzog von Anjou erzählte selbst, wie er von seinem Bruder, König Karl IX., erdolcht zu werden fürchtete, und als er später selbst den Thron bestieg, sah er seinen Bruder Alençon gegen sich verschworen. Die Mignons und die Rodomonts, die Stutzer und die Renommisten waren bei alledem an dem entarteten Hof im Steigen. Bald vermochte er ganz ernstlich mit Madrid und Neapel zu rivalisieren, ja jetzt sahen die Leute da unten nach Frankreich hinauf als in das Zentrum der feinen Lebensart. Brantôme hatte diese Erkenntnis zuerst, und er bemerkte sie gerne, ja er schürte sie noch, schon damals wollte der Franzose allen andern Völkern überlegen sein.

Die Folgen der Bartholomäusnacht zerbrachen den schwachen König. Hin und her flackerte sein Temperament, er wurde finster und ungestüm. Er bekam schreckhafte Halluzinationen, er hörte die Geister der Erschlagnen durch die Luft sausen, durch übermenschliche körperliche Anstrengungen suchte er sein Gewissen zu betäuben und sich Schlaf zu verschaffen. Unaufhörlich lag er der Jagd ob, blieb 12 bis 14 Stunden unausgesetzt im Sattel, oft drei Tage hintereinander; wenn er nicht jagen konnte, trieb er Fechtübungen oder Ballspiel oder stand drei bis vier Stunden am Schmiedeamboß, einen kolossalen Hammer schwingend. Endlich warf ihn in Vincennes die Schwindsucht nieder. Noch auf seinem Krankenlager vertrieb er sich mit literarischen Arbeiten über seine Lieblingsbeschäftigung die Zeit, er schrieb am Livre du Roy Charles, einer Abhandlung über die Naturgeschichte und die Jagd der Hirsche. Beim 29. Kapitel nahm ihm der Tod die Feder aus der Hand. Das hinterlassene Bruchstück verdient Lob, es war gut durchdacht und nicht übel geschrieben.

Es ist immer mißlich, wenn man einem König nachsagen muß, mehr Talent zu einem Schriftsteller gehabt zu haben als zu einem König. Es chokiert, aber es ist wahr: die Valois waren eine literarische Rasse. Übler als in seinem Werkchen sah’s in Frankreich aus, das befand sich 1577 in einem traurigen Zustand; überall sah man Ruinen zerstörter Dörfer und Schlösser; weite Strecken unbebauten Landes, da der Viehstand zumal sehr gemindert war; eine Masse faulenzenden und vagabundierenden Gesindels, an Krieg und Raub gewöhnt, dem Wanderer und dem Landmann gefährlich. Jede Provinz, jede Stadt, ja fast jedes Haus durch die Parteiwut in feindliche Faktionen geteilt.

Und schon hatte Alençon zu wühlen begonnen, Franz von Alençon, der vierte der Brüder, der sich ins Alter kommen fühlte, der letzte Valois. Karl IX. verabscheute ihn und ahnte seine geheimen Intrigen. Der andere Bruder, Heinrich, mußte ihn, um sich sicher zu fühlen, auf Schritt und Tritt belauern.

Heinrich III., 3) vormals Heinrich von Anjou, war kaum 25 Jahre alt, indes war schon, genau wie bei seinen Brüdern, seine Kraft erschöpft. Bloß die Herrschsucht (die ihn schon auf den polnischen Königsthron geführt hatte) loderte noch ungeschwächt in ihm. Er war der zierlichste, eleganteste und geschmackvollste Valois, es war auch von ihm nicht anders zu erwarten, als daß er neue Formen strenger Etikette einführte. D’Aubigné erzählt uns, daß er über Werke des Geistes gut zu urteilen verstand und einer »der eloquentesten Männer seines Zeitalters« war. Er fahndete auch immer nach Poesien für seine verliebten Regungen. Ein schwelgerisches, genußsüchtiges Palastleben riß ein; Mangel an sittlicher Haltung, moralischer Unwert ist noch das Mildeste, was ihm die zeitgenössischen Chronisten vorwerfen. Obwohl fein gebildet und ein Freund der Wissenschaften, Dichtung und Künste, sowie von der Natur mit gutem Verstand begabt, war er doch durchaus frivol, gleichgültig, körperlich und geistig träge; die Jagd verabscheute er fast nicht weniger als die sorgsame Erledigung der Regierungsgeschäfte. Am liebsten weilte er unter Weibern, selbst weibisch geputzt, mit zwei oder drei Ringen in jedem Ohr. Meist erkannte er das Richtige sehr wohl, aber Lüste, Bequemlichkeit, Nebensächliches hinderten ihn, es auszuführen. Alle ernsteren und tüchtigeren Männer entfernte er von sich und umgab sich mit unbedeutenden Stutzern, den sogenannten Mignons, mit denen er tändelte und sich putzte, und denen er die Leitung des Staates preisgab. Diese eingebildeten jungen Menschen ohne jedes Verdienst schmarotzten am Hofe. In seiner Französischen Geschichte (I. 265) erzählt Ranke: »er umgab sich mit jungen munteren Leuten von angenehmem Äußern, die in Sauberkeit der Kleidung, Zierlichkeit der Erscheinung mit ihm wetteiferten. Günstling, Mignon zu sein, war nicht eine Sache momentanen Wohlgefallens, sondern eine Art von fester Stellung.« Die Assassinenmoral feierte Triumphe. D’Aubigné geißelt den schreckenerregenden Zustand des Hofes und des öffentlichen Lebens. »Damals war alles erlaubt, nur nicht gut reden und gut handeln«, sagt ein anderer Chronist. Und was verschlang dieser leichtfertige, skandalöse Hofhalt? Ein so jämmerlicher Mensch wie Heinrich III. brauchte für seine persönlichen Vergnügungen jährlich eine Million Goldtaler, nach heutigem Geld etwa vierzig Millionen Mark. Und dabei mußte der gesamte Staatshaushalt mit jährlich sechs Millionen bewältigt werden; denn mehr war aus dem Land nicht herauszupressen. »In einem Tagebuch der Zeit«, sagt Ranke (S. 269), »werden die gewaltsamen Mittel, zu Geld zu gelangen, und die Vergeudung desselben an die Günstlinge unmittelbar nebeneinandergestellt, und man sieht, welch einen widrigen Eindruck beide zusammen hervorbrachten.« Dazu kam der Kontrast zwischen seinem religiösen und seinem weltlichen Leben; das eine Mal schleifte er seine Gefühle in Orgien, das andere Mal in Prozessionen herum. Er brachte es fertig, in einem Augenblick die weibischste Kleidung gegen das Büßerhemd zu vertauschen, statt des juwelenbesetzten Gürtels legte er sich einen mit Totenköpfen um. Und damit auch der Satan nicht fehle, bekam die vom Edikt von Blois eingesetzte Feuerkammer (»chambre ardente«) während seiner Regierung reichliche Arbeit. Daß er endlich von seiner kränkelnden Gemahlin keine Kinder haben werde, stand ebenfalls fest.

Dieser Heinrich III. zog noch als Herzog von Orleans den damals vierundzwanzigjährigen Brantôme in seine Nähe und ernannte ihn dann bei seinem Regierungsantritt zu seinem Kammerherrn. Die Ernennung erfolgte 1574. Um dieselbe Zeit aber machte sich Franz von Alençon bemerklich. In der Folge trat Brantôme zu Alençon in ein ganz vertrautes Verhältnis.

Alençon wird uns von wohlgebildeter, wenn auch kleiner Gestalt geschildert, aber mit groben und rohen Gesichtszügen, von weibischer Reizbarkeit und Leidenschaftlichkeit, von mehr als weibischer Feigheit; dabei unstet, ehr- und habgierig. Er wurde auch ein ganz eitler leichtfertiger Mensch ohne jede politische oder religiöse Überzeugung. Dabei war er von früh an schwächlich und kränklich und stak voll verdorbener Säfte. Sein Bruder Heinrich, der ihn bitter haßte und verachtete, hielt ihn, solange er konnte, in kaum verhüllter Gefangenschaft. Da revoltierte Alençon, er sammelte Heere, er gründete eine neue ultra-königliche Partei und zog gegen Paris. Er wollte sogar einmal seine Mutter (die immer noch ihre Fäden über das Königreich hinspann) vom Hof wegjagen. Man mußte mit ihm unterhandeln, und es gelang ihm, eine Ausstattung zu erpressen, die der königlichen Autorität fast gleichkam. Er bekam fünf Herzogtümer und vier Grafschaften, und sein Gerichtshof konnte Todesurteile fällen; er hatte eine Garde, ein reich livriertes Pagenkorps und führte einen glänzenden Hofhalt. Man muß ihn sich vorstellen, wie ihn Ranke schildert: »von kleiner, gedrungener Gestalt, kräftiger Haltung; dichtes schwarzes Haar lag ihm über dem unschönen, dunkeln, pockennarbigen Angesicht, das jedoch durch ein lebendiges Auge erhellt wurde.«

Diesem Alençon ist das Buch der galanten Damen gewidmet. Er sah es nicht mehr. Brantôme muß es aber noch unter seinen Augen begonnen haben. Aber schon 1584 starb Alençon, einunddreißig Jahre alt.

Fünf Jahre später fiel Heinrich III. unter dem Dolch des Jacques Clément. So war der scheinbar so fruchtbare Stamm Heinrichs III. schon in seinen Söhnen verwelkt. Eine salisch minderwertige Schwester, die noch übrigblieb, war auch nur ein Gefäß der Sittenlosigkeit.

Ihr Gemahl, Heinrich IV., kam in ein ausgesogenes Land. Die Schuldenlast, die er bei Antritt seiner Regierung vorfand, ließ deutlich erkennen, wes Geistes Kind die vorhergegangenen Regierungen waren. 1560 hatte der Staat dreiundvierzig Millionen Livres Schulden, gegen das Ende des Jahrhunderts waren sie auf dreihundert angewachsen. Die Valois verkauften Titel und Würden an die Reichen, preßten sie sogar noch dazu und waren schließlich auch imstande, das Kind im Mutterleib zu verpfänden. 1595 sagte Heinrich IV. in Blois, daß »der größte Teil der Meierhöfe und fast alle Dörfer unbewohnt und leer ständen«. An den steigenden Ziffern der Verschuldung kann man das Maß der höfischen Verrottung förmlich ablesen. Unter Karl IX. und Heinrich III. war es, zwischen 1570 und 1590, daß die Zügellosigkeit des Hoftreibens jene gewaltigen Dimensionen annahm, die es Brantôme ermöglichten, eine solche Unzahl von Histörchen und Anekdoten beizubringen. Katharina von Medici, die ihr Geschlecht noch um ein Jahr überlebte, deren Einfluß am Hofe übrigens selbst während dieser ganzen Zeit fortbestand, scheint selbst keine Heilige gewesen zu sein; am schlimmsten, frivolsten und laszivsten aber trieben es die drei letzten Valois, unter denen im Louvre und in den königlichen Schlössern das Mätressenregiment Platz griff, das Brantôme einen so unerschöpflichen Stoff lieferte.

Das waren die Valois.

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