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Allouma

von Guy de Maupassant aus dem 19. Jahrhundert

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Kapitel 1:

I.

Einer meiner Freunde hatte mir gesagt: Wenn Du etwa zufällig bei Deiner Reise nach Algier in die Gegend von Bordj-Ebbaba kommst, so suche doch mal meinen alten Freund Auballe auf, der sich dort angesiedelt hat.

Ich hatte die Namen Auballe und Bordj-Ebbaba längst vergessen und dachte kaum mehr an den Pflanzer, als ich durch reinen Zufall zu ihm kam.

Seit einem Monat durchstreifte ich zu Fuß jene wundervolle Gegend, die sich von Algier nach Cherchell, Orléansville und Tiaret zieht. Sie ist gleichzeitig bewaldet und öde, gewaltig und lieblich. Zwischen zwei Bergketten liegen dort düstere Fichten- Wälder in engen Thälern, im Winter von reißenden Bächen durchschossen. Mächtige über die Schluchten gefallene Bäume dienen den Arabern als Brücken, und Schlinggewächse, die sich um die toten Stämme ranken, überziehen diese mit neuem Leben. Dort giebt es Schlünde in unerforschten Bergschluchten von grausiger Schönheit und wieder ebene Bachufer mit Alpenrosen überwachsen, von unglaublichem Zauber.

Was mir aber am unvergeßlichsten geblieben, sind die Nachmittagsspaziergänge längs der dürftig bewaldeten, vielfach gewundenen Küste, von der aus man die weite wellige Landschaft überschaut vom blauen Meer bis zur Bergkette Quarsenis, deren First der Cedernwald von Teniet-el-Haad krönt.

An jenem Tage verirrte ich mich. Ich hatte gerade einen Gipfel bestiegen, von dem aus ich über eine Hügelreihe hinweg die weite Ebene von Mitidja übersehen konnte, dahinter noch weiter, auf der Höhe einer anderen Kette, in der Ferne fast verschwimmend, das seltsame Denkmal, das »Grab der Christin« geheißen, wie man sagt das Grabmal einer maurischen Königsfamilie. Ich stieg wieder hinab, nach Süden zu. Vor mir erstreckte sich bis hinauf zu den Gipfeln, die in den klaren Himmel hineinragten, am Rand der Wüste, ein wildes Bergland, fahl, rotgelb, als ob alle die Hügel mit aneinander genähten Löwenfellen bedeckt wären. Ab und zu stieg dazwischen ein höherer Buckel auf, spitz, gelb, wie der behaarte Höcker eines Kamels.

Ich ging mit schnellen, leichten Schritten, wie man die Kehr-Wege an einem Berghang hinabgeht. Nichts lastet auf einem bei solchen flotten Märschen in der Höhenluft, nichts bedrückt einen, weder Glieder noch Herz, weder Gedanken, noch irgend eine Sorge. Von all dem, was uns im Leben verstimmt und quält, lastete nichts mehr auf mir, ich war nur glückselig, hier hinunter zu laufen. In der Ferne entdeckte ich ein Araberlager: braune, spitze Zelte, die am Boden klebten wie Meermuscheln auf den Felsen, oder Hütten, aus Zweigen zusammengebaut, aus denen grauer Rauch stieg. Weiße Gestalten, Männer oder Frauen, irrten langsam hin und her, und unbestimmt klangen durch die Abendluft die Glöckchen der Herden.

An meinem Weg neigten sich die Sandbeerbäume unter der Last ihrer Purpurfrüchte, die sie auf den Boden verstreuten. Sie glichen blutenden Märtyrern denn am Ende jedes Astes hing wie ein Blutstropfen eine rote Beere.

Der Boden um uns herum war wie von Blut benäßt, der Fuß der die Beeren am Boden zerdrückte ließ Mord-Spuren zurück. Ab und zu im Vorübergehen pflückte ich im Sprung die reifsten Früchte, um sie zu essen.

Jetzt füllten sich alle Thälchen mit leichtem Nebel, der langsam emporstieg wie der Dampf von einem arbeitenden Zugtier. Und über der Bergkette, die den Horizont abschloß, an der Grenze der Sahara, flammte der Himmel in überirdischem Glanz. Lang gedehnte Goldstreifen wechselten mit Blutströmen. Blut und Gold, die ganze Geschichte der Menschheit – und ab und zu erschloß sich dazwischen ein winziger Ausblick auf einen grünlichblauen Himmel, unendlich fern in Traumes Weiten.

O, wie fern war ich von all den Dingen, von all den Leuten, für die man sich auf dem Boulevard interessiert. Wie fern auch von mir selbst; eine Art Wesen, das umherirrt ohne Bewußtsein, ohne Gedanken, ein Auge, das über die Dinge gleitet, sieht, nichts will, als sehen. So war ich weit von meinem Wege abgekommen, auf den ich garnicht mehr achtete, und als die Nacht hereinbrach, merkte ich, daß ich mich verirrt hatte.

Die Dunkelheit fiel auf die Erde nieder wie ein Schattenregen, und ich sah nichts vor mir als Berge, so weit ich blicken konnte. In einem kleinen Thal gewahrte ich Zelte, stieg hinab und suchte dem ersten Araber, den ich traf, klar zu machen, nach welcher Richtung ich wollte.

Ich weiß es nicht: erriet er was ich wollte? Kurz er gab mir eine lange Antwort, von der ich kein Wort verstand. In meiner Verzweiflung war ich schon entschlossen, die Nacht, in eine Decke gewickelt, nahe dem Lager der Araber zuzubringen, als ich aus den seltsamen Lauten, die aus seinem Munde kamen, das Wort »Bordj-Ebbaba« zu erkennen glaubte.

Ich wiederholte: – Bordj-Ebbaba? – Jawohl, jawohl! Ich zeigte ihm zwei Franken, ein Vermögen für ihn. Er setzte sich in Marsch, ich folgte ihm. Ich folgte lange durch die stockfinstere Nacht diesem bleichen Gespenst, das mit bloßen Füßen vor mir herlief, über die steinigen Wege, auf denen ich unausgesetzt stolperte.

Plötzlich blitzte ein Licht auf. Wir kamen an das Thor eines kleinen weißen Hauses, einer Art kleiner Festung mit senkrechten Mauern, außen ohne Fenster. Ich klopfte, Hunde heulten drinnen. Auf Französisch fragte eine Stimme:

– Wer ist da?

Ich antwortete:

– Wohnt hier Herr Auballe?

– Ja!

Mir wurde geöffnet. Ich stand vor Herrn Auballe selbst, einem großen, blonden jungen Mann in Hausschuhen, die Pfeife im Mund; er sah aus wie ein gutmütiger Riese.

Ich nannte meinen Namen. Er streckte mir beide Hände entgegen und sagte:

– Seien Sie mir herzlich willkommen!

Eine Viertelstunde später aß ich mit Heißhunger. Mein Wirt saß mir gegenüber und rauchte noch immer.

Ich kannte seine Geschichte. Er hatte mit Weibern den größten Teil seines Vermögens durchgebracht, und von dem, was übrig blieb in Algier Grund und Boden gekauft, auf dem er nun Wein zog.

Der Weinbau ging gut; er war glücklich und hatte in der That das behagliche Aussehen eines zufriedenen Menschen. Ich begriff nicht, wie ein Pariser Kind, dieser Lebemann, sich an solch eintönige Leben in der Öde hatte gewöhnen können. Und ich befragte ihn darüber:

– Seit wann sind Sie hier?

– Seit neun Jahren.

– Fühlen Sie sich nicht furchtbar unglücklich?

– Nein. Man gewöhnt sich an das Land und endlich liebt man es sogar. Sie glauben nicht, wie es in uns Menschen eine Reihe tierischer Instinkte weckt, die bisher unbewußt in uns schlummerten. Wir gewinnen es zunächst lieb durch unsere Organe, denen es unbewußt geheime Befriedigung gewährt.

Die Luft und das Klima erobern unsere Körper, ob wir wollen oder nicht; und allein das heitere Licht, in dem unser Leib sich badet, macht ihn froh und zufrieden. Es flutet in uns hinein, unaufhörlich, durch die Augen, und man möchte wirklich sagen, daß es alle äußersten Winkel unserer Seele reinwäscht.

– Aber die Frauen?

– Ja! …. die fehlen ein bißchen.

– Nur ein bißchen?

– Mein Gott, ja, – ein bißchen. Denn man findet immer selbst unter den Stämmen gefällige Landeskinder, die für die Nächte der Fremden sorgen.

Er wandte sich an den Araber, der mich bediente, einen großen, dunkelfarbigen Burschen, dessen schwarze Augen unter dem Turban blitzten und sagte zu ihm:

– Geh, Mohammed. Ich rufe Dich, wenn ich Dich brauche.

Dann, zu mir:

– Er versteht Französisch, und ich will Ihnen mal eine Geschichte erzählen, worin er eine große Rolle spielt.

Als der Mann gegangen war, begann er:

– Ich war ungefähr vier Jahre hier, noch wenig eingerichtet in jeder Beziehung, und begann eben erst Arabisch zu stammeln. Um nicht ganz auf die Neigungen verzichten zu müssen, die übrigens mein Verhängnis waren, mußte ich ab und zu ein paar Tage nach Algier reisen.

Ich hatte diese Farm gekauft, diesen Bordj, eine ehemalige kleine Festung, die ein paar hundert Meter von der Ansiedelung der Eingeborenen liegt, die ich für meine Anpflanzungen beschäftigte. Zu meinem persönlichen Dienst wählte ich aus diesem Stamme – einem Teil der Oulad-Taadja – einen großen Burschen aus, denselben, den Sie eben hier gesehen haben: Mohammed ben Lam’har. Er wurde mir bald sehr ergeben. Da er nicht in einem Hause schlafen wollte, weil er das nicht gewöhnt war, schlug er sein Zelt ein paar Schritte von der Thür auf, so daß ich ihn von meinem Fenster aus rufen konnte.

Wie ich hier lebe, können Sie sich denken. Den ganzen Tag beaufsichtige ich die Anpflanzungen, gehe ein wenig auf Jagd, esse ab und zu bei den in der Nähe stationierten Offizieren, oder sie kommen zu Tisch zu mir.

Über die …. Vergnügungen sprach ich ja schon: Algier gewährte mir die ausgesuchtesten; und ab und zu redete mich mitten auf der Straße ein mitfühlender, gefälliger Araber, an, und schlug mir vor, er wollte mir nachts ein Mädchen seines Stammes zuführen. Manchmal nahm ich an, doch viel öfter lehnte ich ab, aus Furcht vor den Feinden, die ich mir dadurch machen könnte.

Als ich nun eines Abends, es war am Anfang des Sommers, von einem Gang in die Pflanzungen zurückkehrte und Mohammed brauchte, trat ich in sein Zelt, ohne ihn zu rufen. Das geschah alle Augenblicke.

Auf einem jener großen roten Teppiche aus langer Wolle von Djebell-Amour, dicht und weich wie Matratzen, schlief ein Weib, ein Mädchen, beinah unbekleidet, die Arme über die Augen gekreuzt. Ihr weißer Leib, schneeigleuchtend im Lichtstrahl, der unter dem erhobenen Zeltvorhang eindrang, erschien mir wie das vollkommenste Meisterwerk der Schöpfung, das ich je gesehen. Die Frauen sind hier auffallend schön, groß und von seltenem Ebenmaß der Züge und Linien.

Ein wenig verwirrt, ließ ich die Zeltdecke fallen und kehrte nach Haus zurück.

Ich liebe die Frauen! Die Erscheinung traf mich wie ein Blitzstrahl, der zündete; er entfachte in meinen Adern jene alte gefährliche Glut, der ich es verdanke, hier zu sein. Es war heiß, Juli, und beinah die ganze Nacht verbrachte ich an meinem Fenster und starrte auf den dunklen Schatten, der von dem Zelte Mohammeds herrührte.

Als er am nächsten Morgen in mein Zimmer trat, sah ich ihn scharf an und er senkte den Blick wie jemand, der ein schlechtes Gewissen hat. Erriet er was ich wußte?

Ich fragte kurz:

– Du bist also verheiratet, Mohammed?

Ich sah, wie er rot wurde und er stammelte:

– Nein, Herr.

Ich verlangte, daß er Französisch sprach und mir dafür arabischen Unterricht gab, so daß wir manchmal beide Sprachen durcheinander redeten.

Ich fragte weiter:

– Warum ist denn dann ein Mädchen bei Dir?

Er brummte:

– Er ist aus Süd.

– Ah, sie stammt aus dem Süden! Aber das erklärt noch nicht, warum sie in Deinem Zelt ist.

Ohne auf meine Frage einzugehen, sagte er:

– Er ist sehr hübsch!

– So, wirklich! Nun, wenn Du ein andermal so Besuch von einem schönen Mädchen aus dem Süden bekommst, wirst Du dafür sorgen, daß sie in mein Haus kommt und nicht in Deines. Hörst Du, Mohammed?

Er antwortete ganz ernst:

– Ja, Herr!

Ich muß gestehen, daß ich den ganzen Tag die Erinnerung an dies arabische Mädchen, auf dem roten Teppich nicht los wurde, und als ich zu Tisch heimkehrte, fühlte ich das dringende Verlangen, noch einmal nach Mohammeds Zelt zu gehen. Den Abend hindurch that er seinen Dienst wie gewöhnlich, war immer um mich herum mit seiner unbeweglichen Miene und ein paar Mal hätte ich ihn beinahe gefragt, ob er unter seinem kamelhaarbedeckten Heim, dies junge, schöne Mädchen aus dem Süden noch länger behalten würde.

Um neun Uhr ging ich aus, immer noch in der Gier nach dem Weibe, die mich beherrscht, wie die Witterung den Jagdhund. Ich wollte Luft schnappen und ein wenig um das braune Leinwand-Zelt herumgehen, durch das ich Licht schimmern sah.

Dann entfernte ich mich aber, um nicht von Mohammed in der Nähe seines Zeltes überrascht zu werden.

Als ich eine Stunde später heimkehrte, unterschied ich im Zelt deutlich sein Gesicht. Dann nahm ich meinen Hausschlüssel aus der Tasche und ging in den Bordj, in dem noch außer mir mein Aufseher, zwei französische Arbeiter und eine alte Köchin wohnten, die ich in Algier aufgetrieben hatte.

Ich stieg die Treppe hinauf und zu meinem Erstaunen sah ich, daß unter meiner Thür Licht durchschimmerte. Ich öffnete und gewahrte vor mir auf einem Strohstuhl neben dem Tisch, auf dem ein Licht brannte, ein Mädchen von wunderbarer Schönheit, das mich ruhig zu erwarten schien, mit allem Silberschmuck aufgeputzt, den die Frauen hier im Süden an Beinen, Armen, auf der Brust bis auf den Leib herab tragen. Ihre, durch Kohol erweiterten Augen blickten mich groß an; und vier kleine blaue Male, fein in die Haut tättowiert schmückten als Sterne Stirn, Wangen und Kinn. Ihre mit Spangen überladenen Arme ruhten in ihrem Schoß. Ihr Kleid, eine Art Gebba aus roter Seide, die von den Schultern herabwallte, bedeckte die Schenkel.

Als sie mich kommen sah, stand sie auf, blieb vor mir stehen aufrecht, mit ihrem wilden Schmuck behangen, in einer Art stolzen Demut.

– Was machst Du hier? – fragte ich arabisch.

– Ich bin hier, weil man mir befohlen hat, zu kommen.

– Wer hat Dir das befohlen?

– Mohammed.

– Gut, setze Dich.

Sie setzte sich, schlug die Augen nieder, und ich blieb vor ihr stehen und betrachtete sie.

Ihr Gesicht war seltsam: regelmäßig, fein, und ein wenig Bestie, aber schwärmerisch wie das eines Buddha. Ihre Lippen waren kräftig und von einem Art Rosenrot, das auch sonst noch auf ihrem Körper wiederkehrte, das eine leichte Kreuzung mit schwarzem Blut verriet, obgleich Hände und Arme tadellos weiß waren.

Unruhig, lüstern und zugleich verwirrt, wußte ich nicht, was ich thun sollte. Um Zeit zu gewinnen und überlegen zu können, fragte ich sie noch andere Dinge, wo sie her sei, wie sie in das Land gekommen und wie sie zu Mohammed stünde. Aber sie antwortete nur auf die Fragen, die mich am wenigsten interessierten, und ich konnte nicht herausbekommen, warum sie eigentlich gekommen sei, in welcher Absicht und auf welchen Befehl, seit wann und was eigentlich zwischen ihr und meinen Diener vorgegangen sei.

Als ich ihr sagen wollte: Kehre in Mohammeds Zelt zurück! erriet sie das vielleicht, stand jäh auf und hob ihre beiden nackten Arme, von denen all die Armbänder auf ein Mal klirrend bis zu den Schultern herabglitten, umschlang meinen Hals mit den Händen und zog mich mit stehendem unwiderstehlichem Ausdruck an sich.

Ihre Augen, funkelnd in dem Wunsche zu verführen und in dem Gelüste über den Mann zu siegen, durch das die unkeuschen Blicke der Frauen zu behexen vermögen wie die der wilden Katzen, – diese Augen benahmen mir jede Widerstandskraft, lockten, entzückten und erregten mich zu ungestümer Glut. Es war ein kurzer Kampf ohne Worte, heftig, nur zwischen unsern Blicken, der ewige Kampf zwischen den beiden Tieren im Menschen, dem Männchen und dem Weibchen, wobei das Männchen immer unterliegt.

Mit langsamem, stetig wachsendem, unwiderstehlichem Druck, wie mit mechanischer Kraft zogen ihre beiden, hinter meinem Haupt gefalteten Hände mich an diese sinnlich lächelnden roten Lippen, auf die ich plötzlich die meinen drückte, während ich diesen beinah nackten Leib umschlang, der mit Silberringen behangen war, die nun klingelten, vom Busen bis zu den Füßen, bei meiner Umarmung.

Sie war nervig, schmiegsam, und gesund, wie ein Tier, mit Bewegungen, Manieren, Liebreiz und sogar etwas vom Geruch der Gazelle, daß ich bei ihren Küssen einen fremden unbekannten Reiz genoß, fremdartig wie der Geschmack tropischer Früchte.

Bald darauf, ich sage bald, – vielleicht war es schon gegen morgen, wollte ich sie fortschicken. Ich glaubte, sie würde gehen wie sie gekommen, und ich fragte mich noch nicht, was aus ihr werden sollte, noch was sie aus mir machen würde.

Aber sobald sie meine Absicht erriet, flüsterte sie:

– Wenn Du mich fortjagst, wo sollte ich jetzt hin? Ich müßte nachts auf der bloßen Erde schlafen. Laß mich zu Füßen Deines Bettes auf dem Teppich ruhen.

Was konnte ich antworten? was thun? Ich dachte, Mohammed würde sicher seinerseits das erleuchtete Fenster meines Zimmers beobachten; und allerlei Fragen, die ich mir im Ansturm des ersten Augenblicks noch nicht überlegt, kamen mir zu Sinn.

– Bleib hier, – sagte ich, – wir wollen uns unterhalten.

Mein Entschluß war sofort gefaßt. Da dieses Mädchen mir nun einmal so in die Arme gefallen war, wollte ich sie behalten, wollte aus ihr eine Art Sklaven-Geliebte machen, die in meinem Haus verborgen blieb wie die Frauen des Harems. Wenn ich sie eines Tages satt hatte, war es leicht, sie auf irgend eine Manier fortzubringen, denn in Afrika gehörten uns diese Art Wesen beinah mit Leib und Seele.

Ich sagte ihr:

– Ich will gut gegen Dich sein, ich will Dich so behandeln, daß Du nicht unglücklich wirst. Aber ich muß wissen, wer Du bist und woher Du kommst.

Sie begriff, daß sie jetzt reden mußte und erzählte mir ihre Geschichte, oder vielmehr eine Geschichte, denn sie log vom ersten Wort bis zum letzten, wie alle Araber lügen, immer, mit oder ohne Grund.

Das ist einer der seltsamsten und unbegreiflichsten Charakterzüge der Eingeborenen, daß sie lügen. Diese Menschen, in die der Islam so eingedrungen ist, daß er einen Teil von ihnen ausmacht, daß er ihre geistigen Fähigkeiten, nach seiner Anschauung formt, ihre ganze Rasse verändert, sie von den anderen im Punkt der Moral unterscheidet, ebenso wie die Hautfarbe den Neger vom Weißen trennt: sie alle sind Lügner durch und durch, daß man ihrem Gerede niemals trauen kann. Ob das mit ihrer Religion zusammenhängt, weiß ich nicht. Man muß unter ihnen gelebt haben, um sich zu überzeugen wie die Lüge einen Teil ihres Wesens ausmacht, ihres Herzens, ihrer Seele, wie sie ihnen zur zweiten Natur geworden ist, ja geradezu eine Lebensnotwendigkeit.

Sie erzählte mir also, sie sei die Tochter eines Kaïds der Ouled Sidi Scheik, und einer von ihm den Touaregs geraubten Frau. Diese Frau mußte wohl eine schwarze Sklavin gewesen sein, oder wenigstens aus erster Kreuzung arabischen und Negerblutes stammen. Bekanntlich sind die Negerinnen in den Harems sehr gesucht, wo sie als besonderes Reizmittel gelten. Übrigens zeigte sich bei ihr außer jenem Purpur der Lippen und der dunklen Erdbeerfarbe der länglichen, elastisch-federnden Brüste, nichts von dieser Abstammung. Darin konnte sich ein erfahrenes Auge nicht täuschen. Aber alles andere gehörte der schönen, weißen, schlanken Rasse des Süden an, deren feines Gesicht einfach und gerade geschnitten ist wie ein indisches Heiligenbild. Die weit auseinander stehenden Augen erhöhten noch den fast überirdischen Eindruck dieses Kindes der Wüste.

Über ihre wirkliche Stellung erfuhr ich nichts Genaues. Sie erzählte mir ab und zu unzusammenhängende Einzelheiten, die zufällig in ihrem verworrenen Gedächtnis aufzusteigen schienen. Köstliche kindliche Anschauungen mischten sich hinein, das ganze Nomadenleben, wie es sich im Hirn eines Eichhörnchens spiegelt, das von Zelt zu Zelt gesprungen ist, von Lager zu Lager, von Stamm zu Stamm.

Und all das wurde hergeleiert mit der ernsten Wichtigthuerei dieses Volkes, mit der Miene einer schwatzenden Puppe und einem etwas komischen Ernst.

Als sie fertig war, merkte ich, daß ich garnichts behalten hatte von dieser ganzen langen Geschichte, voller nebensächlicher Ereignisse, die in ihrem oberflächlichen Gehirn haften geblieben waren. Und ich fragte mich, ob sie mich nicht einfach zum Narrn gehalten hätte, durch dieses inhaltslose, ernst vorgetragene Geschwätz, das mir eigentlich über sie selbst und ihr Leben nichts gesagt hatte.

Und ich dachte an dieses überwundene Volk, unter dem wir leben, oder vielmehr, das mitten unter uns lebt, deren Sprache wir kaum zu sprechen angefangen, das wir unter dem dünnen Leinen seiner Zelte in den Tag hinein leben sehen, denen wir unsere Gesetze, unsere Ordnung, unsere Sitten aufzwangen, und von denen wir nichts wissen, aber auch garnichts, nicht als ob wir sie seit fast sechzig Jahren fortwährend beobachteten. Wir wissen nicht mehr davon, was in dieser Hütte aus Zweigen, oder unter diesem kleinen Conus aus Stoffen, der mit Pflöcken an der Erde festgehalten wird und zwanzig Meter von unsern Thüren steht, vorgeht, als wir eine Ahnung haben, was die sogenannten civilisierten Araber in den maurischen Häusern von Algier treiben und denken. Hinter den kalkbeworfenen Mauern ihrer Stadthäuser, unter der weißen Decke ihrer Zelte, oder hinter dem dünnen, braunen Vorhang von Kamelshaar, der im Winde flattert, leben sie in unserer Nähe, Fremde, rätselhafte, lügnerische, durchtriebene, unterdrückte ewig lächelnde, unerforschliche Wesen. Ich sage Ihnen, wenn ich von weitem mit meinem Opernglas das nächste Araberlager beobachte, merke ich, daß bei ihnen allerlei Aberglaube sein Wesen treibt, daß sie tausend Sitten und Gebräuche haben, die wir noch nicht kennen, von denen wir nicht einmal eine Ahnung haben. Noch niemals hat ein durch Gewalt unterworfenes Volk sich so völlig der hartnäckigen aber nutzlosen Erforschung durch den Sieger zu entziehen gewußt.

Nun, diese unüberbrückbare geheime Schranke, die die Natur zwischen den Rassen aufgerichtet hat, empfand ich plötzlich, wie ich sie noch nie empfunden, zwischen mir und diesem arabischen Mädchen, zwischen diesem Weibe, das sich mir soeben angeboten, geschenkt, ihren Körper meiner Zärtlichkeit hingegeben, und mir, der sie genossen hatte.

Ich fragte, da ich jetzt, zum ersten Mal daran dachte:

– Wie heißt Du?

Sie hatte ein paar Augenblicke geschwiegen und ich sah sie erzittern, als ob sie ganz vergessen hatte, daß ich da war. Da erriet ich an ihrem auf mich gehefteten Blick, daß diese Minuten genügt hatten, sie schläfrig zu machen. Plötzliche, unwiderstehliche Schlafsucht befiel sie: blitzschnell, wie jede Einwirkung auf die nervösen Sinne der Frau.

Sie antwortete gleichgültig mit unterdrücktem Gähnen:

– Allouma.

Ich fragte:

– Möchtest Du schlafen?

– Ja! – sagte sie.

– Also gut, schlaf!

Sie schmiegte sich ruhig an meine Seite, auf dem Bauche ausgestreckt; die Stirn ruhte auf den gekreuzten Armen und ich fühlte beinah augenblicklich, daß ihre unruhigen, wilden Gedanken im Schlaf erloschen waren.

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