Erotische Literatur ohne Berührungsangst
Es ist noch nicht lange her, da umgab ein Hauch von Laster und Verruchtheit die erotische Literatur. Wer sie besaß, stellte sie nicht offen ins Bücherregal, und ihre Kenntnis gab man nur in vertraulichem Gespräch preis. Was in der Antike offen ausgesprochen werden konnte, fiel später dem Zensor zum Opfer. Denn den Herrschenden war zu fast allen Zeiten der mächtigste Trieb der menschlichen Natur unheimlich. Er stellte einen Freiheitsraum dar, in dem die Macht machtlos war. Deshalb musste er unterdrückt werden in all seinen Erscheinungsformen, also auch in der Literatur.
Doch so war es nicht immer. In der Antike nahm man kein Blatt vor den Mund, und was ist das Alte Testament der Bibel anderes als eine Ansammlung von Sex and Crime? Enthält nicht das Hohe Lied Salomonis einige der schönsten erotischen Liebesgedichte? Und das ist das Heilige Buch einer Religion, die bis heute - zumindest in ihrer katholischen Ausprägung - mit ihrer Leibfeindlichkeit ihre Anhänger in Gewissenszweifel stürzt. Noch in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schaltete sich Bayern aus der Fernübertragung des "Lysistrata" nach Aristophanes aus - so viel explizite Sexualität mochte man dem Publikum nicht zumuten. Heute werden die ehemaligen "Giftschränke" geöffnet, erotische Literatur ist salonfähig, ihre Kenntnis gehört zum Bildungskanon. In der Presse werden ihre hervorragenden Vertreter genannt, und natürlich erwartet der Journalist, dass seine Leser wissen, was sich hinter Stichworten wie "de Sade" oder "Guy de Maupassant" verbirgt. Wobei zu sagen ist, dass als erotische Literatur gelten soll, was den Sexualtrieb des Menschen und seine Befriedigung zum Inhalt hat. Das kann offen ausgesprochen sein oder so verhüllt, dass der Leser rätseln muss, was sich unter der Verhüllung verbirgt.
Es ist nämlich so, dass Literatur, die ihren Namen verdient, immer auch erotisch ist. Arno Schmidt hat an einigen Beispielen gezeigt, wie sich der Trieb Bahn bricht, auch wenn es dem Autor selbst nicht bewußt ist, und wie es folglich auch dem argwöhnischen Zensor entgeht. Wer aber mit wachem Verstand liest, wird die sexuelle Unterströmung auch bei als "sittlich unbedenklich" eingestuften Autoren bemerken. Das macht die Unterscheidung zwischen unbedenklicher und erotischer Literatur vollends obsolet.
Wer sich die Verfasser der hier versammelten erotischen Geschichten ansieht, der weiss, dass sie zu einer Zeit schrieben als es ein Wagnis war, mit Erotika an die Öffentlichkeit zu treten. Der Marquis der Sade büsste im Irrenhaus, Oscar Wilde wurde gleichermaßen als Schriftsteller bewundert und als Skandalautor angefeindet. Sein Theaterstück Salomé wurde von der Zensur verboten. Honoré de Balzac, der mit seinen Romanen ein realistische Bild der gesamten Gesellschaft zeichnen wollte, kam dabei um die Darstellung von Erotik nicht herum, ebenso wie sein Landsmann Guy de Maupassant, der vermutlich sehr wesentlich aus seinem eigenen Erleben schöpfen konnte. Klabund ist zu erwähnen, der Kabarettist und Kriegsverächter, der ebenso mit der preussischen Zensor zu kämpfen hatte wie der Dichter, Musiker und spätere Berliner Kammergerichtsrat ETA Hoffmann. Für sie alle und auch die zahllosen anderen Verfasser gilt: Leben abzubilden, wirkliche Menschen zu schildern, das ist nicht möglich, wenn man die Sexualität aussparen will.
Die Geschichte der erotischen Literatur von der Antike bis heute ist reich an großen Namen. Wir dürfen uns freuen, dass diese Literatur sich heute nicht mehr in die Schmuddelecke stellen muss. Sie bildet eine eigene, gleichberechtigte Gattung im großen Universum der Literatur. Auch erotische Literatur ist zunächst einmal und vor allem Literatur.
